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Das ist meiner Ansicht nach totaler Quatsch. In einer Gesellschaft, in der Menschen wegen Bewegungsmangel fett und krank werden und Erlebnisarmut und Langeweile zu Fernsehsucht und Depressionen führen, da ist der moderne Erlebnis-, Natur- und Abenteuersport eine wichtige Sache für Körper und Seele und hat seine soziale Berechtigung!

Allerdings: In den letzten Jahren häufen sich schwere und auch tödliche Sportunfälle! Der unter Outdoor-Sportlern so beliebte Spruch NO RISK - NO FUN, der ist äußerst riskant und führt schnell zur Überschätzung und Überforderung und kann fatale Folgen haben.

Die Kassel-Family kann ein Lied davon singen: In den letzten 4 Jahren hatten Astrid und Gerd Kassel 3 schwere Sportunfälle. Als Warnung und Mahnung zur Vorsicht möchte ich auf dieser Seite darüber berichten.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      

Astrid Kassel zertrümmerte sich bei einer zu rasanten Abfahrt mit dem Mountainbike in den Cevennen das Nasenbein und musste in einer Spezialklinik in Montpellier operiert werden. Die Spuren dieses Unfalls sind heute trotzdem noch sichtbar! 


Gerd Kassel verbrachte in den letzten Jahren nach einem Windsurfunfall (2000) und einem Snowboard-Crash (2003) viele Wochen im Krankenhaus und Monate im Rollstuhl. Eine schwere Gehbehinderung wird zurückbleiben! Über den Tag des Snowboard-Unfalls und was dann folgte, wird im folgenden berichtet.


Snowboard-Unfall in Flaine am Le Grand Massif – Frankreich, 7. Januar 2003

          EIN SCHARFER GRAD NUR ZWISCHEN HIMMEL UND HÖLLE

                           Erlebnisbericht von Gerd Kassel 

Die Ausübung faszinierender, Körper, Kopf und alle Sinne beanspruchender Natursportarten hat schon seit jungen Jahren mein Leben geprägt und bereichert. In den Sommermonaten sind das vor allem Wassersportarten wie Segeln, Windsurfen, Kajakfahren auf Zahm-, Wild- und Salzwasser, aber auch Mountainbiken, sowie Berg- und Schluchtenwandern. Im Winter war ich von klein auf mit allem an den Füßen unterwegs, was rutscht: Gleit- und Schlittschuhen, traditionellen Langlaufbrettern, Tourenskiern, modernen Funcarvern – und den vor 15 Jahren aus den USA zu uns importierten Snowboards. 

Diese „Schneebretter“ begeisterten mich sofort, konnte man doch unter Ausnutzung von Gefälle und Fliehkraft rasante Kurven ins weiße Element schneiden und über Buckel und Schneewächten jumpen – ähnlich wie beim Brandungs-Windsurfen in wandernden Wasserbergen.

Ich war leider schon 40 Jahre alt, als ich mich auf die verschiedenen Bretttypen dieser neumodischen, grellen – und  schnell bei anderen, vor allem spießigen Wintersportlern verrufenen – Trendsportart wagte. Dort traf ich nur auf junge, wilde und langmähnige Verrückte, bei denen ich mich – und vor allem meine damals halbwüchsigen Kids Sina und Robin – gleich zu Hause fühlte.

Allerdings: Ich war vom Anfang bis zum unten geschilderten Ende meiner Snowbaord-„Karriere“ mit 52 Jahren stets der älteste Snowboard-Freak auf der Piste – und beim nächtlichen Après-Ski in lauten und dunklen Spelunken. Das hat meinem Selbstbewusstsein nie geschadet, könnte mir aber letztlich zum hier geschilderten Verhängnis geworden sein. Denn Snowboarden ist – entgegen anderslautender Gerüchte – eine mitreißende, anspruchsvolle, aber auch knochenharte Fun-Sportart, die schnell zur Sucht führen kann – und alternden Brettfreaks wie mir sicher den rechtzeitigen Ausstieg erschwert hat. So musste wohl kommen, was kam – nämlich der über alle Maßen  kontrastreiche  Snowboard-Tag, den ich im Folgenden so genau wie möglich aus der Erinnerung zu rekonstruieren versuche. Nicht nur als unterhaltsame Reportage für andere, der Sucht verfallene Snowboarder, sondern auch als eine Art der Aufarbeitung eines Schock-Erlebnisses der besonderen Art, mit dem mein Gehirn noch immer einige Schwierigkeiten hat.

Ein himmlischer Tag zieht heran...... 

Innere Unruhe weckt mich. Ich schaue auf meine Armbanduhr. Es ist erst kurz nach sechs, am  Dienstag, den 7. Januar 2003. Diese nächtliche Unruhe kenne ich seit vielen Jahren nur zu gut. Sie befällt mich immer bei der Ausübung von Natursportarten, wenn nach tagelanger, frustrierender Durststrecke – mit zu wenig Wasser, zu wenig Wind, und im aktuellen Fall zu wenig Schnee – endlich ein wunderschöner Tag mit besten Sportbedingungen am noch dunklen Horizont herannaht. Ich werfe aus den zwei kleinen, mit Schnee und Eis verklebten Dachfenstern unseres auf 1600 m Höhe geparkten Campingbusses einen Blick auf die umliegenden Berge und den endlich wolkenlosen Himmel. Noch ist es fast dunkel und die Sterne funkeln frostig, während der sichelförmige, blassgelbe Mond hinter einem Bergrücken verschwindet. Nur im Osten färbt sich der Himmel bereits in zartes Morgenrot. Alle Autos um uns herum auf dem Parkplatz Nr. 5 des typisch französischen Wintersportortes Flaine mit hässlichen, grauen Betonklötzen sind unter igluähnlichen Schneebuckeln verschwunden. Direkt neben dem Bus steht auch ein echtes Iglu, das meine kleine Tochter Samira und meine Frau Astrid gestern Abend in dichtem Schneetreiben gebaut haben. In den letzten 36 Stunden ist ein Meter Neuschnee gefallen, den das Skigebiet nahe am Mont Blanc, dem höchsten Berg Europas, auch dringend nötig hat. Der Winter war bisher erschreckend schneearm, doch das hat sich zu meiner Riesenfreude über Nacht geändert.

 An Schlaf ist nicht mehr zu denken. Von diesem herrlichen Wintertag darf keine Stunde verpennt werden. Dieser Meinung sind auch Astrid und Samira, als ich sie in den Schlafsäcken neben mir wachgerüttelt habe. Also nichts wie raus aus den warmen Betten und startklar gemacht für einen Tag, der besondere Erlebnisse verspricht. Astrid klettert zuerst aus dem Hochdach und wirft sich in die wärmsten Winterklamotten, um im nahe gelegenen Supermarkt frisches Baguette zu holen. Als sie die eingefrorene Schiebetür des Busses nur schwerlich aufdrücken kann, ist mir klar, dass heute zwar ein sonniger, aber auch eiskalter Wintertag angebrochen ist. – 17 Grad lese ich am Außenthermometer ab. Das bedeutet volle Kälteschutzkleidung: Thermounterwäsche, Fleeceanzüge, gefütterte Überhosen und Anoraks, Fausthandschuhe mit dickem Innenfutter und Gesichtsschutz. Auf dem Kopf werden wir warme Snowboard-Helme tragen, die sich seit Kurzem in der Szene durchgesetzt haben.

 Auch ich klettere aus dem Bus, um ihn vom Schnee freizuschaufeln und den bewährten Honda-Stromgenerator anzuwerfen, der die Versorgungsbatterien im Auto neu auflädt. Oben am Berg über Flaine mahlen sich mehrere, PS-starke „Schneekatzen“ durch den weichen Tiefschnee, um die Pisten fürs heutige Ski- und Snowboard-Publikum zu präparieren. Plötzlich krachen heftige, durch Schall vielfach verstärkte Detonationen durch den mit Nebelschwaden durchzogenen Hochgebirgskessel von Flaine! Erschrocken blicke ich hoch und erkenne einen winzigen, roten Helicopter, der wie eine Hornisse in gewagten Flugmanövern an den tief verschneiten Bergflanken des Le Grand Massif entlang düst. Wieso das? Nach kurzem Nachdenken dämmert es mir: Es herrscht heute erhöhte Lawinengefahr, logisch! Ich hole das Fernglas aus dem Auto, um das Schauspiel genauer zu beobachten. Aus dem Hubschrauber werden jetzt in den frühen Morgenstunden, wo die Skipisten noch menschenleer sind, gefährliche Schneebretter abgeschossen, die dann – mehr oder minder große Lawinen auslösend – zu Tal donnern. Ich bewundere die Flugkünste des Hubschrauberpiloten, mit dessen Job ich nicht tauschen möchte. Noch ahne ich nicht im geringsten, dass mich dieser winzige, rote Helicopter des Lawinensprengkommandos von Flaine später am Tag mit zertrümmerten Beinen durch die engen Bergschluchten des Le Grand Massif hinunter ins Tal zum Unfallkrankenhaus von Cluses transportieren wird.

Als Astrid vom Bäcker zurückkommt, ist auch Samira schon angezogen. Das Bett ist unters Hochdach geklappt, das Kaffeewasser heiß und der kleine Campingtisch im angenehm beheizten Bus gedeckt. Beim heute etwas hastigen Frühstück beobachten wir fasziniert, wie die weißen Bergspitzen ins rötliche Licht der aufgehenden Morgensonne getaucht werden. Als kurz vor neun Uhr die schon alten, rostigen Eiergondeln der nur hundert Meter entfernten Bergbahn „AUP DE VERAN“ ins Seil gehängt und wie eine Perlenkette den steilen Berg hoch zum „TETE DES LINDARS“ (2561 m) gezogen werden, stapfen wir schon freudig zu dritt mit unseren Snowboards unterm Arm zum Einstieg in die weitläufige Ski- und Snowboard-Arena des Le Grand Massif.

Die freundlichen Frauen und Männer, welche die Bergbahn bedienen, grüßen fröhlich und kontrollieren schon längst nicht mehr unsere Saison-Skipässe. Immerhin treiben wir uns schon mehr als zwei Wochen hier in der Gegend rum. Schade, dass unsere große Tochter Sina und ihr Freund Rafael schon vor drei Tagen nach Hause zurück mussten und jetzt, wo es hier in den Bergen endlich traumhaft schön geworden ist, an öden Arbeitsplätzen ihre wertvolle Lebenszeit totschlagen. Sina hat die vergangenen zwei Wochen unter widrigen Schnee- und Wetterbedingungen sehr hart trainiert für die Teilnahme an einem spektakulären 24-Stunden-Snowboardrennen am 24./25.1.2003 in Galtür (Österreich). Rafael hat Videoaufnahmen gedreht und an den langen, dunklen Abenden im Campingbus haben beide den Snowbaord-Fahrstil anhand des Filmmaterials analysiert und korrigiert. Es gehört für mich wohl zu den schönsten Momenten beim Wintersport, wenn man frühmorgens mit der Bergbahn in wenigen Minuten aus dem noch dämmrigen, vernebelten, schattigen „Kühlschrank“ eines tief unten liegenden Alpentals in ein jungfräulich verschneites, sonnendurchflutetes, glitzerndes Hochgebirgspanorama hinauf transportiert wird. Ich könnte dann vor Begeisterung jubeln und schreien – doch das unterlasse ich heute beim Anblick des majestätischen Mont-Blanc-Massivs. Stattdessen geht die Freude darüber nach innen – und auch über die Tatsache, dass wir heute erstmals alle gemeinsam – also auch mit unserer kleinen, achtjährigen Tochter Samira – auf den Brettern unterwegs sind, die mir die Welt bedeuten (na ja, das ist ein bisschen übertrieben, aber heute empfinde ich es ganz besonders so). In den zurückliegenden Tagen habe ich Samira täglich einige Stunden im Snowboardfahren unterrichtet, so dass sie heute erstmals in der Lage ist, mit ihren Eltern mitzuhalten – nicht nur auf „Idiotenhügeln“, sondern auch auf anspruchsvollen, langen Pisten von ganz oben runter.  Und hier oben auf dem „LES GRANDES PLATIERS“ auf 2480 m schnallen wir jetzt unsere Bretter unter. Doch ehe wir talwärts starten, genieße ich noch einmal den beeindruckenden Rundblick über die französischen Nordalpen, in deren tiefen Tälern noch immer eine dicke, graue Nebelsuppe wabbert – überstrahlt von einem wolkenlosen, tiefblauen Himmel. Ich schiebe die große, das Blickfeld einschränkende Skibrille nach oben auf die vordere Helmkante und setze stattdessen eine Sonnenbrille auf. Die vor uns liegende, rote Piste mit dem in der Wintersportkarte verzeichneten Namen „faust“ ist ein wahrer Traum. Auch die bereits in der schräg stehenden Wintersonne liegenden Abfahrten „mephisto“, „lucifer“ und „zeolite“ sind erstklassig präpariert. Auch abseits gesicherter Routen durch glitzernden Powder zu carven, erscheint heute nach dem vielen Neuschnee besonders verführerisch, ist aber zu riskant. Gelbschwarz-karierte Flaggen signalisieren Lawinengefahrstufe 4-5.

Am 6. Januar 2003 ist die Welt für Gerd Kassel und seine Tochter Samira noch in Ordnung. Tags drauf erfolgt der Umstieg von den Skiern auf die geliebten Snowboards  und ein unglaublich brutaler Unfall!

Aber nun geht’s endlich los! Wir starten talwärts auf der leichten „zeolite“ Der in zarten Blau- und Türkistönen schimmernde Schnee ist zwar weich, aber griffiger als der knochenharte Altschnee der letzten Wochen. Vorsichtig lege ich mich in die erste Frontside-Kurve und werfe einen Blick nach hinten. Samira und Astrid folgen – etwas langsam zwar, aber sicher und stilistisch sauber. Die Sicht ist unglaublich gut. Im Gegensatz zu dem diffusen Licht der letzten Tage erscheinen alle Buckel, Rillen und Kanten heute messerscharf. Es ist ein wahrer Genuss, in engen oder weiten Kurvenradien ins Tal hinab zu düsen. Auch sind die Pisten nun in der dritten Woche der Weihnachtsferien im krassen Gegensatz zu vorher wie leergefegt. Keine Ski-Clubs oder Anfängerkurse blockieren in endlosen Schlangen wie auf Ameisenhügeln enge Durchfahrten oder Liftanlagen. Es ist eben ein Tag, wie ihn Tourismus-Manager in ihren Hochglanz-Broschüren präsentieren.

Immer wenn sich auf einem ebenen Plateau die Möglichkeit zum bequemen Steh-Stopp anbietet, schaue ich in die Gegend und warte auf meine beiden Frauen, in deren Augen ich die gleiche Begeisterung ablesen kann, wie ich sie selbst empfinde. Samira hat bei den optimalen Bedingungen keine Mühe, ihren Eltern zu folgen. Kleine Wegrutscher oder Umfaller gestalten sich bei dem weichen Schnee schmerzlos. Auch Astrid freut sich über immer noch mögliche, kleine Verbesserungen ihres Fahrstils, während ich heilfroh bin, das Fahrkönnen zurückliegender Glanzzeiten scheinbar noch immer konserviert zu haben. Dass sich aber ausgerechnet jetzt, wo alles so super flutscht, der unvorhersehbare Moment nähert, nach dem für mich ein für allemal Schluss sein wird mit Snowboarden, das ist gemein und geht mir auch bis heute – knapp 4 Wochen später – nicht in den Kopf.

Wir sind gerade in die dritte Abfahrt des Tages gestartet – diesmal auf der „faust“ –, als gleich nach einem kurzen Steilstück ein schräg abfallender Ziehweg folgt, an dessen Ende es sogar ein wenig aufwärts geht. Ich düse also mit Volldampf und auf Frontside in den Ziehweg, um das Abschnallen und Laufen zu vermeiden. Als ich tief in der Hocke merke, dass ich im  Ziehweg abwärts Richtung Tiefschnee drifte, richte ich den Körper auf – dem Berg zu – , um die Frontside-Kante härter in den Schnee zu zwingen. Als eine kleine Querrille vor mir auftaucht, knallt ein harter Schlag durch meinen Körper und ich höre Knochen brechen. Das ist die Sekunde, als der Teil des vormals himmlischen Tages beginnt,    

                                           ...... der direkt zur Hölle führt 

Was im Folgenden passiert, wird von meinem gnädigen Hirn größtenteils in den Nebel des Vergessens gehüllt. Damit will ich sagen, dass ich an meinen unglaublichen Unfall und den Rest des Tages nur nebulöse Erinnerungen habe, obwohl ich nach Aussage meiner Frau Astrid während der gesamten Bergung bei vollem Bewusstsein war und viel – wenn auch wirres Zeug – geredet habe. Nur blitzlichtartig kommen Momente in Erinnerung, die ich jetzt schildern möchte.

Leider muss ich an dieser Stelle meine Schilderung für 2 Wochen unterbrechen, da ich heute am 2.2.2003 wieder zu einer weiteren Knochen-Operation ins Krankenhaus muss. Noch sind die unmittelbaren, schmerzhaften Folgen meines Snowbord-Unfalls nicht ausgestanden. Morgen, am 3.2.2003 wird mir ins linke Schienbein ein 38 cm langer Marknagel gehämmert und die Sammlung von 23 Schrauben und 3 Platten in beiden Beinen um ein weiteres, hoffentlich letztes Metall-Teil ergänzt.

Einbau eines sogenannten Marknagels in das linke Schienbein. Das ist ein 38-cm-Titanstab, der durch das Knochenmark gehämmert wird und den Trümmerbruch zusammenhält

Das linke Schien- und Wadenbein wird verplattet. Auch hier wäre - sagt man - ein Marknagel besser gewesen. Aber die gefürchtete Knochenmark-Sepsis bekomme ich im Bein, das nach Frankreich in Deutschland noch mal nachoperiert wird.

Am rechten Knie wird der Tibia-Knochen mit Knochenmehl vom Hüftknochen ausgebessert und bombenfest verschraubt!

Teil 2 des Unfallberichts 

Heute ist der 16.2.2003 und seit 2 Tagen lebe ich wieder zu Hause. Und das ist gut so, denn der wochenlange Aufenthalt in Krankenhäusern, auf OP- und Röntgentischen, auf Intensivstationen - verkabelt mit Infusions-, Sauerstoff- und Blutabsaugschläuchen – ist selbst bei attraktivstem Pflegepersonal und bestem Essen kein Leben. Man vegetiert dahin zwischen Schmerzen, Ängsten, Hoffnungen und täglichen Thrombose-Spritzen und will irgendwann nur noch eins, nach Hause nämlich.

Die Fäden sind zwar noch an 3 OP-Wunden drin im linken Bein, aber ich bin endlich raus aus dem kleinen, aber feinen Krankenhaus in Alzenau-Wasserlos, wo ich die letzten Wochen verbrachte. Das habe ich dem sportbegeisterten Chefarzt Dr. Röder zu verdanken, der mich kurzentschlossen heimschickte, ehe er am Freitag im Skibus zu einem Kurztrip in die Alpen düste. Hoffentlich hat es sich dort nichts gebrochen, denn der Mann ist ein guter, robuster Unfallchirurg, den ich jedem in der Rhein-Main-Spessart-Region empfehlen kann (siehe www.kreiskrankenhaus-wasserlos.de). Er hat meine Beine in 2 Operationen mit 26 rostfreien Schrauben, 4 Metallplatten und einem 38-cm-Titanstab wieder solide zusammengebastelt und die stümperhaften Fehler und Versäumnisse der Franzosen-Chirurgen ausgebügelt, die mich in Cluses am Tag meines Unfalls am 7.1.2003 vor Ort operierten. Und auf diesen Tag, der so schön begann und fürchterlich endete, möchte ich jetzt noch mal zurückkommen, obwohl auch Wochen später mein Hirn noch immer nicht frei gibt, was da am Mittag des 7.1.2003 plötzlich mit mir geschah.

Zur Erinnerung: Ich düse da oben im Le Grand Massif auf etwa 2400 Meter mit Volldampf in einen schräg abfallenden Ziehweg, als es plötzlich knallt und Knochen brechen. Ich registriere noch: Das waren meine Knochen !!! Von da ab ist es ziemlich dunkel im Gedächtnis. Astrid und Samira finden mich zwei Minuten später am Pistenrand hocken, auf Unterschenkeln, Schuhen und angeschnalltem Snowboard. Ich sehe nicht aus, als sei was Besonderes passiert: Meine Kleidung ist in Ordnung, Sonnen- und Skibrille sitzen sauber da, wo sie sollen, ich habe keinen Schnee gefressen, nichts. Deshalb können sie zunächst kaum glauben, als ich behaupte, beide Beine gebrochen zu haben. Doch als ich nicht aufstehe und beginne, wirres Zeug zu reden, hat Astrid schnell kapiert, dass alles todernst ist. Sie ruft andere Skifahrer herbei, welche die Pistenwacht benachrichtigen und auch ansonsten in den kommenden zwei Stunden Hilfe leisten. Obwohl bei vollem Bewusstsein, bekomme ich von all dem nichts mit.

Zunächst verspüre ich offensichtlich keine unerträglichen Schmerzen. Aus der Lektüre eines interessanten Buches zum Thema, dass mir meine Tochter Sina gerade zu Weihnachten geschenkt hat (ZWISCHEN LEBEN UND TOD, extreme Erfahrungen, letzte Abenteuer, von Peter Stark, Rowohlt 2002), weiß ich, was nach einem Extrem-Unfall im Körper vorgeht:

Notärzte sprechen von einer so genannten „goldenen Stunde“. Wenn ein Unfall-Trauma nicht gerade katastrophal ist, kann sich der Körper in der Regel etwa eine Stunde zusammenreißen, den Blutdruck oben halten und den Kreislauf stabilisieren. Und er kann selbst gegen aufflammenden, unerträglichen Schmerz ankämpfen. Das tut er durch die Ausschüttung körpereigener Schmerzstillungsmittel, der von „innen kommenden Morphine“ (Endorphine und Enkephaline). Genau wie das aus Mohn gewonnene Morphium docken diese Moleküle an die Nervenendungen an, welche die von einer schweren Verletzung ausgehenden Schmerzsignale empfangen.

Nach Ablauf der „goldenen Stunde“ hebt mein Gehirn jedoch die Blockade auf, denn es will jetzt, dass ich genau weiß, wie schwer ich verletzt bin und dass sofort etwas dagegen unternommen werden muss. Doch hierüber muss ich mir keine Sorgen machen, meine Bergung ist in vollem Gange. Etwa 30 Minuten nach meinem Unfall sind zwei Männer der Bergwacht da und verladen mich in einen Bergungsschlitten. Die Talfahrt ist etwas mühsam und zeitraubend. Mittendrin ist meine „goldene Stunde“ um. Ich erinnere mich, wie ich plötzlich heftig und unkontrolliert durchgeschüttelt werde: Durch die Schlittenfahrt, durch die winterliche Kälte, die sich zwischenzeitlich durch 3 Kleidungsschichten in mich hineingefressen hat, aber auch durch den massiven Unfall-Schock, der jetzt zum Tragen kommt. Obwohl in der aufblasbaren Gummiwurst des Bergungsschlittens gut verpackt, fährt mir der Schüttelfrost hinunter bis in die Snowboardschuhe und von dort der Schmerz zurück ins Hirn. Verdammt, kann mir denn niemand die fest angeknallten Schuhe öffnen? Die Schmerzen sind unerträglich! Mir wird übel und mein Gedächtnis schwindet.

Erst viel später wird mir klar, das beide Beine in den Schuhen gebrochen sind. Hätten mir die Männer der Bergwacht – wie von mir erfleht - während der Schlitten-Bergung die Snowboardschuhe ausgezogen, hätte man offene Brüche riskiert. Die scharfkantig gebrochenen und gesplitterten Schien- und Wadenbeinknochen hätten sich durchs Fleisch nach außen bohren können.

Dann liege ich plötzlich auf einem harten, schmalen Tisch in der Unfallstation von Flaine auf 1600 m. Jetzt versucht endlich jemand, mir die Schuhe auszuziehen. Doch ich brülle vor Schmerzen! Kurze Pause! Am rechten Arm wird die Kleidung hochgeschoben. Das ist nicht so einfach, besteht sie doch aus Goretex-Anorak, dickem Fleece-Pullover und langärmligem Thermostretch-Unterhemd. Nach dem 4. Fehlversuch gelingt es einer freundlich und aufmunternd lächelnden Französin endlich, eine lange Infusionsnadel in einer der offensichtlich noch zugefrorenen Venen zu platzieren. Durch diese Öffnung nach innen wird umgehend eine ordentliche Ampulle Morphin gespritzt. Doch die „Sanitöter“ sind ungeduldig. Noch ehe die Schmerzspritze wirkt, wird wieder an meinen Schuhen gezerrt. Ich weiß, die Scheiß-Hardboots sind schwierig auszuziehen. Das ist meist auch eine schmerzhafte Prozedur ohne Unfall mit Knochenbrüchen. Am liebsten hätte ich jetzt eine Vollnarkose! Aber endlich sind die steifen Plastikschalen runtergewürgt und die Beine werden geröntgt.

Die Aufnahmen hängen 10 Minuten später direkt in meinem Blickfeld an einer hell erleuchteten Tafel. Es sind exakt die beiden Aufnahmen, die hier auf dieser Seite zu sehen sind. Mir wird schlecht, meine Wahrnehmung wird eingenebelt, das verabreichte Morphin zeigt endlich seine wohltätige Wirkung.

Meine Frau erzählt später, dass ich umgehend in einen Krankenwagen verladen werde, der mich zum 1000 m entfernten Hubschrauber-Landeplatz von Flaine bringt. Hundert Meter davon entfernt steht unser kleines, gelbes Wohnmobil mitten im Schnee. Wie durch Nebel erkenne ich den kleinen, roten Helicopter, der frühmorgens an den Bergkämmen die Schneebretter abgeschossen hat. Es ist ein verdammt kleines Ding. Die schmale Trage, auf der ich festgeschnallt bin, wird direkt neben den Piloten gequetscht. Hoffentlich geht die Tür noch zu! Über meinem Kopf sitzt ein Notarzt und hält eine Infusionsflasche. Als der Hubschrauber startet, schreie ich auf. Meine Füße hängen irgendwo im Steuergestänge! Darauf hin werden sie, glaube ich, irgendwo mit Klebeband fixiert, damit sie nicht mehr rumwackeln können. Dann heult der Motor der roten „Hornisse“ erneut auf und ab geht es durch die Bergschluchten des Le Grand Massif hinunter ins Tal nach Cluses. Eigentlich ein herrlicher Flug bei bestem Wetter und guter Sicht. Zu blöd, dass ich die schöne Aussicht nicht genießen kann!

Wie ich plötzlich auf den OP-Tisch des Krankenhauses von Cluses gekommen bin, ist mir entfallen. Dort nehme ich allerdings wahr, wie 2 Männer mit meiner Entkleidung beschäftigt sind. Oben geht das problemlos. Auch die Überhose lässt sich durch seitliche Reißverschlüsse leicht abstreifen. Bei den Unterhosen und Strümpfen müssen sie dann allerdings zur Schere greifen. Schade um meinen sündhaft teuren, neuen Thermostretch-Overall, der gleich dran glauben muss. Doch ehe es soweit ist, versinke ich in einem dunklen Loch. Später stelle ich überrascht fest, dass der Overall die Auszieh-Aktion überlebt hat. Die OP-Pfleger hatten wohl auch Mitleid mit dem funktionellen Anziehteil. Ich bekam wahrscheinlich eine dezente Vollnarkose zur schmerzfreien Entkleidung ohne zerstörerischen Scheren-Einsatz. 

Aus dieser Vollnarkose wache ich dann später wieder auf und schaue erleichtert und zufrieden zu. Wobei wohl? Na, bei meiner ersten Operation! (Später folgen in Deutschland 2 weitere Operationen, bei denen mir die Lust am Zuschauen vergangen ist) Hier in Cluses liege ich jetzt splitternackt auf dem OP-Tisch und links und rechts machen sich 2 grün verkleidete Männer in Gesichtsmasken mit Bohrmaschinen und Schraubenziehern an meinen beiden Unterschenkeln zu schaffen. Ich frage interessiert nach, ob das mit dem Zusammenflicken auch klappt. Leider antworten sie nicht. Durch Tasten und Kneifen in die Oberschenkel stelle ich fest, dass mein Körper ab Bauchnabel taub ist. Aha, das ist die Wirkung einer sogenannten Rückenmarksnarkose. Die kenne ich schon von früheren Operationen. Der heutige Unfall war nicht der erste in meinem Leben.

Gerade in dem Moment, als ich nach überstandener Operation in ein kahles Krankenzimmer der chirurgischen Pflegestation geschoben werde, tauchen Astrid und Samira im Krankenhaus von Cluses auf. Ich bin total erleichtert, hatte ich mir doch schon große Sorgen um ihren Verbleib gemacht. Doch die waren überflüssig. Meine Frau hat an diesem 7. Januar 2003 mit eisernen Nerven trotz Unfall-Schock unsere kleine Tochter Samira auf dem Snowboard sicher vom Berg geführt, schnell unseren unaufgeräumten Campingbus startklar gemacht, dringend notwendige Schneeketten aufgezogen und ist dem Hubschrauber hinterher über eine verschneite Serpentinenstrecke hinunter nach Cluses gedüst. Ich bin stolz auf sie und froh, dass sie mir für die restlichen Stunden dieses höllischen Tages zur Seite steht – ebenso wie meine große Tochter Sina, die sich sofort wieder auf den Weg nach Cluses macht, um uns bei dem, was kommt, mit ihren guten französischen Sprachkenntnissen zu helfen.

Der Tag, der so schön begann, endet für mich in höllischen Morphium-Albträumen, bei denen ich felsenfest annehme, ich wache gleich auf und nichts von allem ist wahr. Meine beiden Beine sind nicht fünfmal gebrochen und Morgen früh beginnt wieder ein himmlischer Tag. Doch diesmal muss ich der Wahrheit bald ins Auge schauen und es wird lange dauern, bis ich den Anbruch himmlischer Tage frühmorgens kaum erwarten kann.   

Zurück in Deutschland folgen etliche Nachoperationen, eine Pseudarthrose, Knochenmarksepsis, Antibiotika-Allergie, Gehirnkrampf, Gehirnblutung, Bluthochdruck........... VOLLES PROGRAMM!       

IN DIE BEINE HÄTTE MAN AUCH EINEN REISSVERSCHLUSS EINBAUEN KÖNNEN!




Monatelanges Liegen und 4 Operationen haben den Kopf mürbe und die Muskeln schlapp gemacht. Da hilft nur Bewegung - wie auch immer und wenn's im Rollstuhl ist - und ein neuer, mühsamer Muskelaufbau


Not macht schnell erfinderisch: Wenn man die Beine nicht belasten darf, dann kann man nicht einfach aus dem Rollstuhl aufstehen und Treppen hochlaufen. Ein Kumpel baut ein Rutschbrett, über das man aus dem Rollstuhl raus und wieder reinkommt und Treppen auf dem Hinterteil hoch oder runter robbt.


Die Energie und den Durchhaltewillen, den man bei der Ausübung von Natursportarten und auf langen, schwierigen Abenteuerreisen braucht, der kommt einem auch im "richtigen" Leben zu Gute. Die Devise heißt: ALLES WIRD GUT - NUR NICHT UNTERKRIEGEN LASSEN!


Mittlerweile ist mehr als ein Jahr seit dem Unfall vergangen und nach und nach wird das Flickmaterial - 40 Schrauben, 4 Platten und eine Stange - wieder aus den zusammengewachsenen 5 Bruchstellen entfernt. Nur der Titanstab im linken Schienbein muss wahrscheinlich als Stabilisator für immer drin bleiben


Die rostfreien Platten und Schrauben werden in der Schreibtisch-Schulblade als Andenken an den schweren Unfall aufgehoben


Sportunfälle können passieren - aber nicht nur der Natursport, das ganze Leben wird manchmal ziemlich gefährlich, ob im Straßenverkehr, im Terror-Flieger oder Krieg, der ja immer öfter wieder direkt vor der Haustür stattfindet.

Soll ich deshalb mit dem Sport und dem Reisen aufhören und nur noch Schach spielen? NEIN! Die Beine werden nicht mehr richtig fit, aber statt Windsurfen wird jetzt gesegelt und geradelt und das Snowboard gegen Langlaufski ausgetauscht und Kanufahren geht auch ohne Beine. Irgendwas geht immer! 

REHA-Langlauf im Westerwald - statt alpines Snowboarden im Hochgebirge. Kein Problem! Man wird bescheiden und freut sich auch an den unspektakulären Erlebnissen


Auch das 7-Gang-Damenfahrrad tut seine Dienste anstelle eines sportlichen Mountainbikes


Schon im Krankenhaus aus den USA bestellt: Ein gutmütiger, behindertenfreundlicher Hobie-Cat-Segelkatamaran. Hierfür braucht man das KNOW HOW, aber nicht ständig die Beine!




Außer im Wildwasser, wo man die Beine braucht, um Stöße abzufangen und schwierige Passagen zu erkunden, ist Gerd Kassel wieder auf Tourengewässern und Salzwasser unterwegs


Hier mit Tochter Samira im April 2004 auf den ILES D'HYERES im Hafen von Porquerolles (Südfrankreich)

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