Warum Website?
Historie meiner HP
-1.Rund ums Kanu-
Wieso kanukassel?
KANU-Magazin einst
KANU-Interview
OUTDOOR-Storys u.a.
REISEBERICHTE
FAMILY ON TOUR
Highlight LOFOTEN
AALAND-Kajak
Abenteuer ARDÈCHE
GORGES du TARN
CEVENNEN 2013
BUCH-"BAUSTELLE"
DONAU-PADDELBUCH
ELBE im KANU 2011
Elbe-TAGEBUCH 2011
LAHN-Tour  2012
LAHN-Paddeln 2013
AMSTERDAM 2013
Kassels KANUBÜCHER
KANUPROJEKT-Buch
FAMILIENPADDELN
Kassel-AUSRÜSTUNG
SICHERHEIT
Sponsoring
RIVERSTAR-Kajak
- 2.Rund um Wind -
KINDERSEGELSCHULE
SEGELN - SURFEN
KATSEGELN
STRANDSEGELN
WINDSPOT ROSES
WIND-INSEL RÖMÖ
Insel FANÖ 2013
WINDSPOT LEUCATE
MONDIAL DU VENT 11
TREIBGUT 2012
CAP LEUCATE 2013
Lac du SALAGOU 014
STRANDFETEN
-3.Rund ums Pferd-
PFERDESPORT
HOF KREMPEL
REITERHOF Sauer
-4.Rund um Schnee-
WINTERSPORT
WINTERWALD
Extremmobil
Highlight KAUNERTAL
KAUNERTAL 2013
KAUNERTAL 2014
EISSPORT
- 5.Basislager -
KROMBACHTALSPERRE
DAUERCAMPER
WESTERWALD
- 6.Unfälle  -
NO RISK - NO FUN?
"Knochensalat"
Chronische Sepsis
Bein ab?
Reha - nein danke!
Was'n Krampf!
Verdammt verbrannt
Horror-Show
WER NICHT WAGT
Operation 1-07
Verdammt, ich will!
Honigheilung
Hilfe Herzinfarkt
Herz-Reha
Kassel-Reha
Behindert 80%+G
Friede im Wald
- 6a.Rund ums Rad -
EXTREM-"ROLLSTUHL"
ROLLI-ADVENTURE
ENDURO-Spaß
Samiras ROLLER
INLINESKATEN
MOUNTAINBIKEN
-7.Kreativprojekte-
KERAMIKPROJEKTE
Maskenkacheln
STELEN-Projekt 013
TONUHREN-Projekt
BANNOCK-Ofenprojekt
VIDEOPROJEKTE
YOUTUBE-VIDEOS
MUSIC OF NATURE
Literatur-Tipps
Klettergarten
STEIN-Männchen
Bratäpfel
PRALINEN-Projekt
Lebkuchen-TIPI
Hundertwasser-Haus
-8.Reformschule-
"SchuB"-MODELL
SchuB-APFELPROJEKT
Kassels KANUSCHULE
KANU-PROJEKT 2009
WAL&KANU-Proj.2010
WAL-Projekt 2010
PROJEKT Frk. Saale
GRÜNES KLS-ZIMMER
SPORT-Spiel-Spaß
Proj.HUNDERTWASSER
MOSAIKprojekt 2011
Projekt URMENSCH
Schüler-Post 1
Schüler-Post 2
Leserpost
-9. Verschiedenes -
AKTION ProWal
HEIMATLOS?
Im TEUFELSGRUND
Ihr Weg zu uns
FIT FOR FUN
AUSSIE-Hündin FLY
WELPENPROJEKT 2014
DAS war GESTERN
MEDIEN-Verbund
10 Jahre kanukassel
kanukassel-TV
Gästebuch
Einträge
Was geht HEUTE ab?
Macht mich STOLZ
Finito: 1&1 wankt!
Neuheiten youtube


Ich war im Mai 2007 wieder mal unterm Messer! Überraschend, aber nicht unerwartet. Eine chronische Knochenmarkentzündung = Osteomyelitis ist die Ursache dafür. Das ist schon lange nichts Besonderes mehr, sondern gehört in meinem ereignisreichen und bewegten Leben beinahe schon zum Alltag. Trotzdem habe ich immer noch - oder besser: immer mehr - Angst vor jeder Operation. Diesmal habe ich mal meine Gedanken, Sorgen, Ängste und Empfindungen in einem ganz persönlichen KLINIK-TAGEBUCH fest gehalten. Eigentlich ohne besonderen Grund. Klinikaufenthalte mit Operationen sind eigentlich Ereignisse, die ich am liebsten aus meinem Gedächtnis so schnell wie möglich wieder verbanne. Aber diesmal war mir langweilig und ich habe mir eben diese Beschäftigung gesucht. Ich hatte meist einen klaren Kopf ohne Morphium und einen Laptop am Bett, so dass ich einfach immer drauflos schreiben konnte, was gerade passierte oder an was ich so dachte. Dabei kam folgendes Manuskript heraus.                                                                                                                                                                                                 


                                                                  „Das Leben ist schön!“

                                                         – doch auch Helden haben Angst –

                                Neuer Angriff von Eiterkeimen auf linkes Schienbein im Mai 2007

                                       Akt 2 einer Krankengeschichte namens OSTEOMYELITIS

Im März 1977 – also vor genau 30 Jahren – hatte ich mein erstes großes Krankenhauserlebnis mit vollem Programm, d.h. schwere Darm-Operation mit Folgeschäden. Man vermutete die Krankheit MORBUS CROHN. Damals war ich 26 Jahre alt. Erst 11 Jahre später, nämlich im Oktober 1988 ereilte mich der erste schwere Sportunfall: gefaserter ABRISS DER ACHILLESSEHNE und des Wadenmuskels im rechten Bein. Es folgten Operation, 10 Wochen Stillegung des gesamten rechten Beines im Gipsverband und etwa 12 Monate bis zur Wiederherstellung einer normalen Gehfähigkeit. Meine Lieblingssportarten wie Windsurfen, Snowboarden und Wildwasserfahren waren neben anderen „wilden“ Aktivitäten wieder möglich – 13 schöne, faszinierende, aktive, fette Jahre lang. Ab 2000 folgten dann bis heute 7 sehr magere Jahre!

Zunächst entwickelte sich in beiden Hüftgelenken eine schmerzhafte COXARTHROSE. Der Gelenkknorpel hatte sich in Nichts aufgelöst. Die rechte Hüfte begann ab 1999 langsam zu versteifen. Eine Hüftoperation mit dem Einbau eines künstlichen Hüftgelenks war orthopädisch angesagt, bereits terminlich für den Winter 2000/2001 fest fixiert – als mich am 11. Oktober 2000 in Holland ein zweiter, schwerer Sportunfall mit beinahe tödlichem Ausgang ereilte. Bei Windstärke 9 und tobendem Meer brach ich mir weit draußen bei beginnender Dämmerung das rechte Waden- und Schienbein. Ich musste mit starken Schmerzen beinahe 2 Stunden schwimmen, um in letzter Sekunde vor einsetzender Unterkühlung den Strand zu erreichen. Die ersten Metallteile kamen in meinen Körper, um die gebrochenen Knochen zusammen zu flicken. Doch schon 2002 waren wir in Seekajaks samt Zeltgepäck wieder auf den Mittelmeerinseln Elba und Sardinien unterwegs. Über die Umrundung von Elba schrieb ich damals ein Kanubuch, das 2003 im Pollner-Verlag erschien (siehe hierzu auch die Seite „Kassels KANUBÜCHER“, Link:
http://www.kanukassel.de/10044/index.html).


Die eigentlich längst überfällige Hüftgelenk-Operation verschob ich aus mentalen Gründen auf das Winterende 2003. Das war ein Fehler! Denn am 7. Januar 2003 kam in den französischen Alpen der unfalltechnische Supergau! Beim Snowboarden zog ich mir 5 Knochenbrüche in beiden Beinen zu. Wahrscheinlich wegen nicht mehr ausreichend vorhandener Beweglichkeit und Reaktionsschnelligkeit.


Es folgten eine mühsame Schlitten- und Hubschrauberbergung und eine aufwendige, schwierige Knochenoperation in Cluses/Frankreich. 5 Tage später wurde ich von einem ADAC-Ärzte/Sanitäter-Team nach Deutschland in mein Stammkrankenhaus nach Alzenau/Wasserlos überführt. Hier erfolgten mehrere Revisionen, d.h. Nachoperationen, um Fehler und Versäumnisse des Chirurgenteams aus Cluses auszubügeln. Am Ende dieser OP-Session hatte ich 4 Platten, einen Marknagel und 43 Schrauben in beiden Beinen – und die Pechsträhne setzte sich fort.

Beim Einbau des Marknagels hatte sich ein Eiterkeim eingeschlichen – ein STAPHYLOKOKKUS AUREUS. Er wurde mit der Einnahme von Antibiotikakapseln und –schwämmen zurückgedrängt. Trotzdem: Das linke Schienbein wuchs auch in anderthalb Jahren nicht richtig zusammen. Stattdessen bildete sich eine sogenannte PSEUDARTHROSE. Später brachen zwei Fixierungsschrauben am Marknagel ab. Im Sommer 2004 – 2 Tage vor einer Segelkatamaran-Gepäcktour in den schwedischen Schären – explodierte der längst vergessene Eiterkeim im Schienbein. Es folgte ein Operationsvierteiler in der Frankfurter berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik, Abteilung K6, Septische Chirurgie. Und dort wurde ich erstmals mit dem teuflischen Krankheitsbild der sogenannten OSTEOMYELITIS (chronische Knochenmarkentzündung) konfrontiert.

Aber es dauert noch bis zur aktuellen Operationssession im Mai 2007 im gleichen Hause, bis ich endlich richtig begreife, dass ich mir 2004 tatsächlich, unwiderruflich und unheilbar eine Osteomyelitis eingefangen habe. Und nicht nur das: Weitere „Kolateralschäden“ in Folge sind Bluthochdruck, Antibiotika-Allergie, Gehirnkrampf und Gehirnblutung – ausgelöst durch was auch immer. Es bleibt im Dunklen. Nur was eine Osteomyelitis für mein aktuelles und zukünftiges Leben bedeutet, dass wird mir plötzlich sonnenklar und in meinen folgenden Tagebuchaufzeichnungen deutlich.

Sonntag, 20.5.2007: Morgens um 7 Uhr beim Wachwerden Schmerzen in der OP-Vernarbung am linken Schienbein. Wetterwechsel? Luftdruckveränderung? Nein! Beides verursacht häufig Schmerzen. Doch heute ist das Wetter konstant. Also kommt gleich der Verdacht: Greift der altbekannte Eiterkeim wieder an? Bricht eine neue Knochenmarksepsis im linken Schienbein aus? 2004 war ich zu Gast in der Unfallklinik Frankfurt, Abteilung K6 „Septische Chirurgie“. Dort hieß der zynische und hoffnungsraubende Patientenspruch: „Einmal septisch, immer septisch!“ Verdammt! Ist der Spruch tatsächlich wahr? Werde auch ich nicht vom Rückfall verschont? Nein, es geht los! Der Countdown läuft. Im Laufe des Sonntags nehmen die Schmerzen nach einem letzten Fahrradtest massiv zu. Abends fahren wir vom Westerwald gleich durch nach Frankfurt in die Unfallklinik. In der Notfallambulanz wird sofort Blut abgenommen und untersucht. Die auf Entzündungen hinweisenden Werte sind leicht erhöht. Der SRP-Wert liegt bei 2,5. Normal ist 0,5. Also noch keine dramatische Entwicklung. Aber ich habe schon ziemlich erhöhte Temperatur von 38,6°. Ich bekomme ein Rezept und das Antibiotika Lorafem 400. Montag soll ich mich wieder in der Septischen Sprechstunde bei Chefarzt Dr. Walter von K6 vorstellen. Wir fahren heim. In der Nacht steigt das Fieber. Ich bekomme starke Fieberalbträume.


Die Berufsgenossenschaftliche Unfallklinik in Frankfurt ist eine deutschlandweit bekannte Krankenhauseinrichtung für Unfallgeschädigte aller Art und liegt etwas außerhalb von Frankfurt im Grünen


Für Patienten, die mobil sind eignet sich der weitläufige Klinikpark zum Draußenaufenthalt


Park hin, Park her! Bei meiner Rückkehr in die Unfallklinik seit etwas mehr als zweieinhalb Jahren habe ich keinen Sinn für die Schönheiten eines Klinikparks. Ich habe Angst vor der nächsten OP und mache mir gewaltig Sorgen!


Die alte Narbe am linken Schienbein verändert zusehens ihre Farbe und schmerzt. Das kann nur eine neue Sepsis im Bereich der alten Pseudarthrose bedeuten. Hier wurde schon viele Male dran rumoperiert


Vom Dach des Klinikgebäudes K hat man meinen einen schönen Blick auf die Frankfurter City und erkennt, das die Innenstadt für flüchtende Rollstuhlfahrer ein bisschen weit weg ist


Montag, 21.5.2007: Ich fülle mich kaputt, gehe nicht in die Schule. Ulrike, unsere Hausangestellte entschuldigt mich telefonisch und besorgt mir in der Apotheke die verordneten Medikamente Lorafem 400, Novalgin und Voltaren Dispers. Noch habe ich Hoffnung, dass ich mit einer Antibiotika-Therapie davonkomme. Wird der Angriff des 2003 beim Einsetzen eines Marknagels ins zertrümmerte linke Schienbein mit implantierten Eiterkeims abgewehrt? Bei Knochen-OPs können Eiterkeime ins Knochenmark geraten und sich dort zeitlebens einnisten. Sie sind antibiotikaresistent, überleben jahrzehntelang und greifen bei Immunschwäche des Körpers sofort wieder an. Man spricht dann von einer chronischen Knochenmarksepsis.

Seit gestern findet in meinem Körper ein neuer Angriff des verdammten Eiterkeims statt. Wird er erfolgreich sein oder vom Antibiotika abgewehrt? Es ist seit 2003 sein 3. Angriff. Der 1. Angriff erfolgte im Januar 2003 beim Einbau des Marknagels im Krankenhaus Alzenau-Wasserlos und wurde mit implantierten Antibiotikaschwämmen und der Einnahme von Kapseln abgewehrt. Der 2. Angriff erfolgte im Juli 2004 und war heftig. Er hatte 4 Operationen in der Unfallklinik Frankfurt zur Folge. Dort gibt es in der Abteilung K6 „Septische Chirurgie“ mit Spezialisten. In meinen OPs dort wurden alle Platten, Schrauben und Marknagel aus beiden Beinen entfernt, die infolge eines schweren Snowboardunfalls mit 5 Trümmerbrüchen in beiden Beinen am 7. Januar 2003 in Frankreich und Alzenau eingebaut worden waren. Im linken, vereiterten Schienbein wurde das verfaulte Knochenmark rausgebohrt und zweimal mit Antibiotikaketten gefüllt. Nach der 3. OP waren die CRP-Werte fast wieder normal und ich konnte nach Hause. Tags drauf bekam ich eine schwere Juckreizallergie, die ein Jahr anhielt, 4 Wochen später einen schweren Gehirnkrampf mit Gehirnblutung. Ich habe beides ohne schwere Folgeschäden überlebt. Nur mein Gedächtnis und mein Sprachvermögen haben etwas gelitten. Im November 2004 wurde die letzte Antibiotikakette aus dem linken Schienbein geholt. Seitdem bin ich gehbehindert, hatte aber vor den Angriffen des „schlafenden“ Eiterkeims etwas Ruhe. Bis gestern.

Jetzt geht es wieder los. Mittags habe ich keinen Fahrer, der mich nach Frankfurt in die „Septische Sprechstunde“ zum Spezialisten Dr. Walter fahren kann. Abends beginnt sich die große Vernarbung am linken Schienbein samt Drumherum zu röten. Nachts bekomme ich trotz Antibiotika wieder einen heftigen Fieberschub.


2 Tage später nach Einnahme des Antibiotikas LORAFEM verändert sich die Narbe immer mehr und wird heiß und dick


Mein Hausarzt, den ich Dienstagmorgen noch humpelnd aufsuche, weist mich sofort schriftlich ins Krankenhaus ein. Es ist höchste Gefahr im Verzuge. Kein Grund mehr für Bagatellisierung und sinnlosen Optimismus


Dienstag, 22.5.2007: Heute Morgen wird klar, dass was passieren muss. Das linke Schienbein ist rund um die Vernarbung angeschwollen und rot. Der Schmerz hat zugenommen. Ich humple auf Krücken zum 500 m entfernten Hausarzt, der mich sofort für 2 Wochen arbeitsunfähig schreibt und in die Unfallklinik Frankfurt zur stationären Behandlung einweist. Er macht mir zur Recht klar, das kein Grund zum Optimismus besteht und das selbiger bei einer chronischen Knochenmarksepsis fatale Folgen haben kann.

Ich rufe meinen Sohn Robin in Frankfurt an, der sofort kommt und mich in die Unfallklinik bringt. Auf der Station K6 bin ich beim Pflegepersonal von 2004 noch bekannt. Der damalige Oberarzt Dr. Walter ist heute Chefarzt. Er kommt noch nachmittags zu mir. Alle Daten sind noch im Computer, alle alten und neuen Röntgenbilder parat. Die Sachlage ist klar: NEUE KNOCHENMARKSEPSIS. Nur die Frage ist noch offen, wie sie zu bekämpfen ist: Operativ oder mit hoch dosiertem Antibiotika? Es wird erneut Blut abgenommen. Spät abends erfahre ich von der Nachtschwester aus meiner Akte, dass sich die Blutsenkung normalisiert hat, der wichtigere CRP-Wert aber seit Sonntagabend von 2,5 auf 11,5 gestiegen ist. Das halte ich für dramatisch – und richte mich mental aufs Schlimmste ein. Das Schlimmste ist eine Folge von beschissenen OPs, die ich in Umfang, Folgen und Wirkung zu Genüge kenne. An das Allerschlimmste – Amputation des linken Unterschenkels – denke ich noch nicht. Obwohl eine solche Entwicklung bei chronischer Knochenmarksepsis keineswegs abwegig ist


Das Ding habe ich bereits selbst vor 4 Jahren erworben, da es in vielen Krankenhäusern keine genügenden Patientenrollstühle mehr gibt. Also nehme ich ihn auch heute mit in die Unfallklinik


Tja, was es mittlerweile in jedem Krankenzimmer gibt, ist der persönliche Fernseher im Blickfeld jedes Bettes. So ein Ding brauche ich eigentlich zur Ablenkung nicht. Es sei denn, ich bin zugedröhnt mit Schmerzmitteln


Diese typische Krankenhauswanddekoration, auf die man gedankenverloren so lange klotzt, bis man sich satt gesehen hat. Im BG in Frankfurt habe ich mittlerweile beinahe alle Bilder satt. Ich war schon öfter da, als Bilder gewechselt werden können


Traurig - trostlos - einsam - verlassen - kotzerbärmlich! Na ja, so schlimm ist es nicht - zumindest nicht für Patienten, die so oft regelmäßig Besuch bekommen wie ich 


Im Krankenhaus wird man 3 Mal täglich ordentlich ernährt. Doch der typische Anblick meines ersten Frühstücks dieser erneuten Krankenhaus-Session kann mich nicht sonderlich anmachen.


Mittwoch, 23.5.2007: Die Nacht war – wie immer in Krankenhäusern – elend lang und schwülwarm. Ein Gewitter hing über Frankfurt. Aus dem Panoramafenster in Zimmer 615 des 6. Stockwerks konnte ich schön den Blitzen zuschauen. Sie passten gut zu den Gedankenblitzen in meinem Kopf. Ist das jetzt die erste von vielen, unzähligen Nächten in Krankenhausbetten? Natürlich! Hier gibt es nichts zum Schönreden. Das linke Schienbein wird immer röter und dicker. Die Schmerzen halten sich in Grenzen.

Um 7.00 Uhr schon tauchen 5 Leute in weißen Kitteln auf. Aha, Mittwoch, Chefarztvisite! „Sie sind nicht das erste Mal hier?“ „Nein!“ „Dann kennen Sie sich ja aus!“ „Stimmt!“ Wie es weiter geht, ist offen. Aber es geht was! Nur wohin? Mit Sicherheit nicht schon bald wieder nach Hause. Ein Blick auf mein Bein hinterlässt die üblichen Pokerfaces. „Was ist los?“ „Das wird erst das MRT zeigen (Magnetresonanztomografie)?“ „Wann?“ „Heute noch!“ Von der neuen, mir altbekannten Stationsschwester erfahre ich, dass erst am 29.5.2007 ein MRT-Termin frei ist. Das ist entschieden zu lang! Bis dahin ist mein Schienbein aufgeplatzt. Mein Sohn Robin kennt eine Frau, die in der Röntgenabteilung schafft und die kennt den Radiologen, der die MRTs macht. Ich rufe Robin an und am späten Mittwochnachmittag werde ich eingeschoben. Mittwochabend ist klar: Infektionsausbruch im Knochenraum der Bruchstelle, Knochenmark ist infiziert! Volles Programm ist angesagt. Morgen früh Operation mit dem altbekannten „Ausräumen“ des infizierten, linken Schienbeins. Wie und in welchem Umfang aufgebohrt, abgeschnitten und weggeraspelt werden muss, das wird sich Morgen während der OP zeigen.

So, jetzt gibt es kein „Zurück“ und „Für und Wieder“ und „Vielleicht“ oder „Doch nicht“ mehr, jetzt liegen die Fakten auf dem Tisch. Jetzt muss ich mich darauf einstellen, mich hier in der Unfallklinik wieder häuslich einrichten – und einfach erst mal vergessen, dass ich lieber zuhause und auf meiner Arbeitsstelle in der Schule wäre. Eile ist nicht mehr angesagt. Das neue Zauberwort ist Geduld! Hier kommt es nicht mehr auf Stunden, Tage oder Wochen an, sondern auf die Frage: „Komme ich hier überhaupt noch mal raus?“

Der Chefarzt verbreitet Optimismus, wird mir aber in seinem Optimismus sofort eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung über zunächst mal 6 Wochen ausstellen. Die möchte meine Schulleiterin an der Kopernikusschule Freigericht gerne haben, um beim Staatlichen Schulamt Hanau eine Dauervertretung für mich zu beantragen.

Am Abend nehmen die Schmerzen im linken Schienbein massiv zu. Eiter drückt vom Knochenmark nach außen. Ich lasse mir von der Nachtschwester einen Cocktail mixen: 20 Tropfen TRAMAL mit 20 Tropfen NOVALGIN. Dann geht’s. Die Nacht wird trotzdem lang!


Mein Bett im sechsten Stock, Septische Chirurgie, K6, Zimmer 619. Wie lange wird es diesmal mein Zuhause?


Marginal - optimal - klinisch - sauber -ätzend - hilfreich!


Das Krankenhaus habe ich seit Jahren imVisier und bin bemüht, mich nicht weiter als tausend Kilometer von ihm zu entfernen. Denn im Notfall, der heute wieder mal eingetreten ist, muss ich innerhalb von 24 Stunden unterm Messer sein können, sonst........


Donnerstag, 24.5.2007: Mein erster OP-Tag der aktuellen Krankenhaus-Session. Um 5.30 Uhr stehe ich auf – zum Duschen und Rasieren. Das wird für einige Tage das letzte Mal sein. Mit Tropf und Drainageschläuchen ist die Körperhygiene bescheiden. Jetzt kommt gerade schon der Chefarzt vorbei. Ich komme als Zweiter dran, so um 9.30 Uhr. Zuerst, wenn die Konzentration noch am höchsten ist, operiert er immer schwerste Fälle, dann mittelschwere, zum Schluss die leichten und Kassenpatienten. Das war jetzt zynisch. In Wirklichkeit weiß ich nicht, ob er überhaupt noch Kassenpatienten operiert. Jedenfalls wird hier operiert auf „Teufel-komm-raus“.

So jetzt ziehe ich mir gleich Thrombosestrümpfe, OP-Hemd und OP-Unterhose an. Ein Frühstück bekomme ich heute nicht. Optimal operiert wird nur mit leerem Magen, damit sich während der OP der Mageninhalt samt ätzender Säure nicht in die Lunge verirrt. Um 7.11 Uhr bekomme ich ein SMS von einigen meiner SchuB-Schüler/innen aus der H8c der Kopernikusschule Freigericht: „Hallo Herr Kassel, alles Gute für heute und wir schaffen das mit Heike. Nicht vergessen: Sie, wir Schüler und die Eltern haben noch einen Termin im Sommer 2008. Gruß Jasmin, Sabrina, Mikel, Tobi und Heike.“  Heike, das ist die Mutter meiner SchuB-Schülerin Sabrina, die mich gestern bereits hier im Krankenhaus besucht hat – mit einem Blumenstrauß und Grußkarten meiner SchuB-Schüler und deren Eltern. Ich habe Heike Ritter gebeten, sich während meiner langen Abwesenheit vermehrt um die Kids zu kümmern. Sie soll darauf achten, dass ein Übungsheft mit Aufgaben für die Deutsch-Abschlussarbeit 2008 bearbeitet wird. Auch Frau Alka-Röll, stellv. Elternsprecherin der SchuB-Klasse H8c schrieb bereits ein nettes SMS: „Hallo Herr Kassel, die Nachricht von Ihrem Krankenhausaufenthalt hat uns schockiert. Aber ein Kämpfer wie Sie gibt nie auf! Wir wünschen Ihnen viel Kraft und schnelle Genesung! Herzliche Grüße von ihrem Schüler David Alka und Mutter.“ Merkwürdig, dass immer erst in schwierigen Situationen besondere Reaktionen von Schülern und Eltern kommen. Im normalen Alltag ist man oft nur noch der Arsch!

Um 8.30 Uhr rufe ich meine Schulleiterin in Freigericht an, um ihr die aktuelle Entwicklung mitzuteilen – und dass ich in diesem Schuljahr 2006/2007 nicht mehr an meinen Arbeitsplatz zurückkehren werde.

So, und jetzt beginnt das Warten auf die OP. Das sind immer unangenehme Minuten und Stunden. Ich werde nervös und zapplig und kann die Angst vor dem, was gleich kommt, nur schlecht unter Kontrolle halten. Ich beginne jetzt meine Wertsachen wie Geldbeutel, Kamera, Handy und Laptop im Kleiderschrank zu verschließen, denn hier auf der Station wird geklaut, sagt mir das Personal. Überhaupt ist so ein riesiges Krankenhaus ein interessantes Revier für Jäger und Sammler aller Art. Es gibt keine Nachtwache, keine Türsteher, keine Objektschützer, keine Videokameras, keine verschlossenen Eingangstüren, nichts. Hier kann jeder Hinz und Kunz Tag und Nacht rein und raus – sogar, ohne am Pförtner vorbei zu müssen. Aber egal! Ich hab’ jetzt andere Sorgen!

Also, um 10 Uhr bin ich startklar für eine neue Operation infolge einer Knochenmarksepsis, die ich mir bei einer von vielen Operationen infolge eines Snowboardunfalls im Januar 2003 in Frankreich eingehandelt hatte. Wenn ich die Operationen von 2001 und 2002 infolge eines Windsurfunfalls im Oktober 2001 in Holland hinzuzähle, so ist das heute meine 14. Knochenoperation in den letzten 6 Jahren.

Aber sie lässt auf sich warten. Stattdessen landet ein Helikopter nach dem anderen auf dem Dach über mir. „Frischfleisch“ sagen die Hardcore-Krankenhäusler und halten das für witzig. Vielleicht ist da jemand bei, der vor mir auf den OP-Tisch muss. Jedenfalls werde ich ständig nervöser und zappliger. Um 12.30 Uhr bin ich endlich in den kalten OP-Räumen, in denen jede Menge geschäftige grüne Männchen mit weißen Masken rumlaufen. Darunter auch ein grünes Frauchen, das versucht, mir eine Venenkanüle einzupflanzen. Ich sage: „Besser geht’s am linken Arm.“ Sie fuhrwerkt am rechten rum. Seit Jahren bei jeder OP das gleiche Spiel. „Ich sage: „Jeder hat 3 Versuche!“ Die junge Narkoseärztin meint freundlich, aber bestimmt: „Brauch’ ich nicht!“ Beim 1. Fehlversuch bekomme ich eine Beule am Unterarm, beim 2. spritzt Blut, beim 3. sage ich dezent: „Scheiße! Ich hätte gerne vorher eine Narkose, ehe Sie weiter an mir rumstochern!“ Das grüne Fräulein geht, eine ältere Dame kommt – mit neuem Formular, einer Einverständniserklärung für Selbstzahler. Ich unterschreibe und sage: „Linker Arm!“ Ihr erster Versuch dort ist erfolgreich. Ich habe noch Zeit mich zu bedanken, ehe es schwarz wird um mich und in mir.

Schön, dass man beim Operieren nicht dabei ist. Früher hatte ich öfter schon mal eine sogenannte Spinalanästhesie, eine Rückenmarksnarkose, die von der Hüfte an abwärts die Nerven betäubt. Nach oben ist man klar und wahrnehmungsfähig und kann seiner OP zuschauen. Man weiß zumindest, ob der Chefarzt wirklich selbst operiert und die Sache nicht dem Pförtner überlässt. Heute mag ich lieber Vollnarkose. Da macht’s „Bingo“ und man ist weg und „Bingo“ und ich bin wieder da – stunden später.

Heute ist mir schlecht beim Aufwachen. Und ich verspüre gleich starke Schmerzen. Ist der Unterschenkel noch dran? Ja, ich kann ihn sehen. Aus dem dicken Verband hängt ein Blutbeutel raus. Das Knie ist nicht verbunden. Da bin ich erleichtert, denn das bedeutet: Tibia nicht vollständig aufgebohrt. Wenn das sein muss, dann wird am Knie aufgeschnitten, das Schienbein vorgezogen und mit einem 40cm-Bohrer komplett das Mark aus dem Knochen gebohrt. Bei einer solchen OP wird das Knie meist erheblich in Mitleidenschaft gezogen. Davor hatte ich Angst.

Um 14.30 Uhr bin ich wieder auf K6 in meinem Zimmer. Ich schicke Astrid ein SMS, dass alles o.k. ist. Eine Stunde später ist sie bei mir. Mir ist übel vor Schmerzen. Ich bekomme meinen üblichen Cocktail aus TRAMAL und NOVALGIN. Das hilft zunächst nur wenig. Verdammt, ich hatte ganz vergessen, wie übel die Schmerzen bei Knochenmark-OPs sein können.


Astrid lenkt mich ab. Wir reden über den Kauf eines neuen Laptops beim MEDIA-Markt. Astrid war heute schon dort, aber das 1400-Euro-Modell, das ich gerne haben wollte, das ist ausverkauft. Alternativ in Güte und Größe bleibt noch ein TOSHIBA für 1700 Euro. Das ist viel Geld, aber ein Mobilrechner vom Feinsten. Den brauche ich auch, da ich in Zukunft auf ihm meine Videofilme bearbeiten will. Das ist eine gute Beschäftigungstherapie für lange Krankenhausaufenthalte bei chronischer Knochenmarksepsis.

Dann muss Astrid wieder heim – und Jessica und Robin kommen. Jessi ist heute an ihren Augen gelasert worden. Sie hat eine Schutzplastikbrille über den Augen. Schön, dass sie mich trotzdem besuchen kommen. Überhaupt kümmert sich Robin, der ja seit Jahren hier in Frankfurt bei seiner Freundin lebt, sehr lieb um mich.

Mittlerweile haben die OP-Schmerzen nachgelassen und ich beginne mich zu entspannen. Der Chefarzt war da und hat mir erklärt, was Sache ist. Er meint, der Umfang der Entzündung sei nicht so krass wie beim letzten Mal und müsste mit dieser OP und der implantierten Antibiotika-Kette zurückzudrängen sein. Optimistisch betrachtet heißt das, ich kann in 10 Tagen heim. Die Kette kommt in 6 Wochen wieder raus. Ist dann alles gut, folgt eine weitere OP, um Knochenmasse vom Becken ins Schienbein zu verpflanzen. Dort ist an der ehemaligen Bruchstelle eine Pseudarthrose mit Hohlraum entstanden. Dieses „tote“ Loch muss verschlossen werden, da es immer wieder aufs Neue zum Infektionsherd werden kann.
Irgendwann schlafe ich ein. Es war ein verdammt langer Tag.


Die ersten Stunden nach der Knochen-OP geht es mir schlecht: Übelkeit und starke Schmerzen. Ich hatte beinahe vergessen, wie das so ist kurz nach einer Operation, wenn man langsam wieder zu sich - und den Schmerzen - kommt 


Dass mein Immunsysten in den letzten Tagen stark schwächelt, erkenne ich auch an einer sich ausbreitenden Herpes-Infektion an meinen Lippen


Endlos erscheinende, steril wirkende,  menschenleere Krankenhausflure an langen Abendstunden lassen mich einsam und verlassen fühlen. Aus manchen Krankenzimmern hört man gelegentlich ein Stöhnen oder das Fernsehprogramm 


Krankenhausblumen nimmt man gewöhnlich kaum wahr, es sei denn, man liegt lange gedankenverloren in einem Krankenhausbett und starrt einen schön bunten Blumenstrauß stundenlang an


Freitag, 25. Mai 2007: Im Osten Frankfurts geht am wolkenlosen Himmel die Sonne auf. Ich bin schon wach. Die Nacht war nicht so schlimm wie sonst. Die Schmerzen waren erträglich. Ich stehe auf und kann ohne Krücken zur Toilette gehen. Das ist gut.

Bereits um kurz vor 7 Uhr kommt der Chefarzt vorbei, um nach meiner Wunde zu sehen. Er will wissen, was Sache ist, ehe er wieder seinen Arbeitstag im OP beginnt. Mit der Schere schneidet er den Wickelverband von unten nach oben auf und klappt ihn beiseite. Ich beobachte sein Gesicht, als sein Blick auf die OP-Naht fällt. Es kommen keine neuen Falten hinzu. Er meint, es sehe gut aus, wickelt einen Notverband drum und überlässt das neue Verbinden der Schwester Birgit Uhr auf dem „Hauptverbandsplatz“. Dort treffen sich ab 10 Uhr alle Patienten von K6, die noch laufen, kriechen oder Rolli fahren können. Hier kann man anschaulich erkennen und auch erfahren, was chronische Sepsis mit den Gliedmaßen des Körpers alles anstellen kann. Man sieht ekelhafte Wunden und erfährt schlimme Krankengeschichten. Heute kann ich das nicht vertragen und gehe wieder weg. Später bekomme ich von Schwester Birgit eine „Sondereinladung“ zum Verbandswechsel. Sie weiß, dass ich als Lehrer arbeite und gibt mir auf das Aussehen meiner Schienbeinwunde eine 2-! Auf ihr Urteilsvermögen lege ich großen Wert. Eine Schwester, die jahrein, jahraus septische Wunden verbindet, hat ein todsicheres Urteilsvermögen.

Heute bekomme ich schon früh Besuch. Plötzlich steht Rainer Fischer im Zimmer. Er hat sich heute bei Mazda freigenommen und dreht mit dem Motorrad eine Runde durch Frankfurt. Wir überlegen, wie in diesem Sommer Plan B aussehen könnte. Wenn mein septisches Schienbein samt implantierter Antibiotikakette bis zu den Sommerferien abheilen würde, dann könnten wir nach dem Besuch von Sinas Hochzeit mit Alex in Bayrisch Zell vielleicht doch noch 2 Wochen auf der Salza Paddeln gehen. Die Kette würde ich dann in der 5. oder 6. Ferienwoche rausnehmen lassen. Und die als notwendig erachtete Knochenverpflanzung vom Becken zum Schienbein stände für die Weihnachtsferien 2007/2008 auf dem Plan.

Dann besucht mich auch noch Heike Ritter, die Mutter meiner SchuB-Schülerin Sabrina. Mit ihr bespreche ich Möglichkeiten elterlicher Initiative zwecks Erarbeitung der notwendigen Unterrichtsinhalte im Fach Deutsch. Es ist zwingend notwendig, das die SchuB-Kids sich mit Hilfe eines speziellen Übungsheftes auf die Abschlussprüfung Deutsch vorbereiten.

Um 13 Uhr ruft Astrid aus dem MEDIA-Markt an. Sie ist dort, um mir einen leistungsstarken, großen Laptop zu kaufen, mit dem ich während meiner kommenden Krankenhausaufenthalte Videofilme bearbeiten kann. Aber es besteht das Problem, das alle neuen Rechner das neue, aber unbeliebte  Betriebssystem WINDOWS VISTA vorinstalliert haben. Auf meinem neuen, großen Rechner zu Hause habe ich aber noch WINDOWS XP. Es wäre blöd, auf Laptop und Heimrechner zwei verschiedene Betriebssysteme laufen zu haben. Mein Filmbearbeitungsprogramm PINNACLE 10.7 läuft nur auf XP. Und das Blödeste: Der MEDIA-Markt-Verkäufer sagt, dass man VISTA nicht einfach runterwerfen und durch XP ersetzen kann, weil dann die Treiber nicht funktionieren. Ich könnte kotzen! Also Kauf eines TOSHIBA-Laptops für 1700 Euro zunächst mal gestoppt. Das hat so alles keinen Zweck!

Um 14 Uhr kommen meine große Tochter Sina und ihr zukünftiger Mann Alex aus München direkt zu mir ins Krankenhaus nach Frankfurt. Ich freue mich, sie wieder zu sehen – auch wenn die Umgebung deprimierend ist. Alex hatte im Januar 2005 einen schweren Skiunfall im unwegsamen Abseits der Alpen mit Helikopterrettung, komplizierter Marknageloperation in Österreich und Komplikationen bei der Nachoperation in München. Er bekommt Schweißausbrüche und Gänsehaut, wenn er den Betrieb hier im Unfallkrankenhaus sieht und hört. Stündlich startet und landet der Helikopter CHRISTOPH 2 hier auf dem Dach des Krankenhauses.

CHRISTOPH 2 und sein Team sind täglich von 7.00 Uhr (Sonnenaufgang) bis Sonnenuntergang einsatzbereit. Der Rettungshubschrauber und sein Team sind in weniger als 2 Minuten startklar. Der Einsatzradius beträgt grundsätzlich 60 km. Die häufigsten Einsätze stellen Verkehrs- und Arbeitsunfälle dar. Pro Tag fliegt der Rettungshubschrauber durchschnittlich 3 Einsätze. Das Luftrettungsteam setzt sich aus einem Arzt der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik, einem Rettungsassistenten von der Frankfurter Berufsfeuerwehr sowie einem Piloten der Bundespolizei zusammen. Bei einem Einsatz von CHRISTOPH 2  wird lediglich die Flugzeit berechnet. Die Kosten von 31 Euro pro Flugminute werden mit den Kostenträgern abgerechnet. Damit sind alle Unkosten abgegolten (Personal, medizinischer Bedarf, Kraftstoff usw.). Die Abrechnung der Einsätze erfolgt über das Land Hessen.


Sina und Alex sind gerade 4 Stunden von München nach Frankfurt auf der Autobahn unterwegs gewesen, um mich in der Unfallklinik hier in Frankfurt zu besuchen. Das hilft mir natürlich, mich von meinen düsteren Gedanken zu befreien


Gerade als wir im „Wiener Cafe“, der Krankenhaus-Kantine beim Erdbeerbecher sitzen, landet ein weiterer Helikopter auf der Parkwiese. Heute ist wirklich Hochbetrieb. Freitagnachmittag, große Hitze, jede Menge Staus – und Verkehrsunfälle. Die Schwerstverletzten landen hier!

Gegen Abend kommt noch meine Frau Astrid vorbei. Ich bin heute etwas zu viel gelaufen und der Schmerzpegel im operierten Bein beginnt zu steigen. Ich muss ins Bett. Astrid, Sina und Alex fahren nach Freigericht und kommen Morgen samt Wohnmobil nach Frankfurt zurück, um über Pfingsten auch noch mit Jessica und Robin etwas gemeinsam zu unternehmen – und bei mir zu sein.

Der Abend und die erste Hälfte der Nacht sind schwül-warm und gewittrig. An Schlaf ist nicht zu denken. Ich lasse mir einen Chemie-Cocktail TRAMAL-NOLVAGIN reichen, rühre ihn aber doch nicht an.  TRAMAL- ein Opiumderivat – betäubt gut, macht aber auch depressiv.


Wenn mir nicht gerade hundsgemein übel von den vielen Tabletten und Antibiotika ist, gönne ich mir zusammen mit meinen Töchtern Sina und Samira die tägliche Freude, einen Erdbeerbecher im Klinik-Cafe zu vertilgen


Aufgrund der zentralen Lage der Frankfurter Unfallklinik und dem guten Ruf des Hauses landen hier in Stoßzeiten täglich etliche Helicopter, um Unfallopfer auszuladen

Samstag, 26. Mai 2007: Der Morgen beginnt mobil und fröhlich. Über Frankfurt strahlt ein blauer Himmel und im Osten geht gerade die Sonne auf. Ich fühle mich wieder ganz gut und streife ein wenig durchs Krankenhaus. Gerne würde ich mal die Hubschrauberplattform auf dem Dach betreten. Ich komme zwar bis in den 12. Stock, aber die Luftrettungsstation ist hermetisch abgeriegelt. So betrete ich heimlich die Balkongalerie. Das ist verboten und die Türen nach draußen haben nur innen Griffe zum Öffnen. Damit ich mich nicht ausschließe, klemme ich eine meiner Krücken zwischen Rahmen und Tür und fotografiere. Die Aussicht vom 12. Stock des Unfallkrankenhauses ist ganz hübsch.

Dann fahre ich runter in den 2. Stock. Dort gibt es einen Kaffeeautomaten. Ich hole einen Kaffee schwarz für meinen Zimmerleidensgenossen und einen Cappuccino für mich. Da 2 Pappbecher mit Krücken schlecht in den 6. Stock nach K6 zu tragen sind, hänge ich mir meine Krücken über den Arm und marschiere los. Ich laufe am 2. Tag nach der Knochenmark-OP am linken Schienbein schon recht sicher und gut.

Doch dann kommt die Ernüchterung. Ich laufe den Stationsärzten Kemmerer und Stein  bei der Morgenvisite in die Arme. Und die scheißen mich gründlich zusammen. Assistenzarzt Stein war bei meiner OP dabei und hält es für bodenlosen Leichtsinn, was ich da gerade mache. Das linke, operierte Bein darf bis auf Weiteres nur mit maximal 20 kg belastet werden! Ich will wissen warum? Um den Eiter aus dem Knochenmark zu räumen, wurde das Schienbein frontal auf einigen Zentimetern aufgebohrt und damit enorm geschwächt – genau an der schlecht verheilten Bruchstelle, wo sich vor 3 Jahren eine Pseudarthrose gebildet hatte.

Was heißt das für die Zukunft? Ich habe nur noch ein Standbein! Mit dem 20kg-Bein darf ich nur so sanft auftreten, dass ein Keks dabei nicht zerbricht. Die „restlichen“ 75 kg Körpergewicht muss ich auf Krücken abstützen.

Bleibt das so bis an das Ende meiner Tage? Wahrscheinlich nicht! Bricht das morsche Schienbein durch Überlastung an der „Sollbruchstelle“ noch mal entzwei, dann ist es kaum noch operierbar. Das bedeutet Amputation des linken Unterschenkels. Lässt sich die Knochenmarksepsis vorrübergehend beseitigen, dann besteht die Chance, eine Knochentransplantation vom Becken zum Schienbein vorzunehmen. Hab’ ich Glück, wächst der Beckenschwammknochen am Schienbein an. Hab ich Superglück, dann werden die aufwendigen, schmerzhaften, operativen Bemühungen nicht durch eine erneute Knochenmarkentzündung zunichte gemacht!

Zurzeit habe ich den Glauben an mein Glück verloren. Ich bin schockiert und traurig! Dass es so schlecht aussieht, hätte ich nicht vermutet. Allerdings kam es mir schon sehr ungewöhnlich vor, dass mir der Chefarzt Dr. Walter gestern eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung über 6 – 8 Wochen ausgestellt hat.

Ich telefoniere mit Astrid. Jetzt tritt Plan C in Kraft. Soll, oder besser: kann ich unter solchen Bedingungen nach den Sommerferien 2007 noch weiter in die Schule zum Arbeiten gehen? Wenn ja, dann nur mit Rollstuhl! Soll ich mir das die nächsten Jahre noch antun? Oder lieber meine Frühpensionierung betreiben?

Unsere Schule ist grob behindertentauglich. Wir haben Rampen an Stufen und einen Aufzug. Mit Geduld, Spucke und Hilfe müsste ich in der Schule mit dem Rollstuhl problemlos in viele Räume kommen.


Die Geschwister Samira und Sina sehen sich aufgrund der weit auseinander liegenden Wohnorte leider recht selten - und immer öfter zu blöden Anlässen wie Krankheit, Unfall  und Tod


Auch wenn gelegentlich alles in Scherben zertrümmert erscheint, so gibt es doch immer noch ganz Vieles, was wichtig ist auf dieser Welt - z.B. meine Kinder, die mich oft - sehr oft - in schweren Zeiten besuchen und stützen und sich wünschen, dass ich kämpfe und mich nicht hängen lasse....


Heute, am Samstag besucht mich Astrid schon früh und zunächst alleine. Meine Kids sind zum Einkaufen in Frankfurt unterwegs und kommen später nach. Ich bin trotz der seltenen und schönen Versammlung all meiner Kinder um mich herum schlecht drauf. Wir sitzen in Liegestühlen im Krankenhauspark und ich habe Mühe, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Ich will nicht, dass alle merken, dass ich drauf und dran bin, die Nerven und den Mut zu verlieren. Nur Astrid kann und will ich nicht täuschen. Sie muss mir jetzt helfen, wichtige und richtige Entscheidungen zu treffen.

Doch so ein Aufenthalt in einem zentralen Unfallkrankenhaus wie hier in Frankfurt kann bei aufkeimenden Depressionen sehr heilsam sein. Wenn man sich hier im Park, im Cafe, und auf den verschiedenen Krankenstationen umsieht, stellt man schnell fest, dass andere noch viel schlechter dran sind.


Meine Frau Astrid besucht mich jeden Tag in Frankfurt in der Unfallklinik und geht mit mir durch den Klinikpark spazieren, obwohl sie an der Berufsschule in Büdingen voll berufstätig ist


Am Pfingstsamstag findet im Klinikpark regelrecht ein Familientreffen statt. Das ist der Hammer! Normalerweise düsen alle irgendwo in den schönsten Teilen dieser Welt herum, um rasante Sportarten zu betreiben. Diesmal nicht. Diesmal sind alle bei mir, damit ich nicht die Krise bekomme 


Samira + Gerd Kassel. Samira hat alle Sportunfälle der Kassel-Family seit 2000 life miterlebt und ist davon - und den schwerwiegenden Folgen -ziemlich bedient


Jessica ist die langjährige Lebensgefährtin von meinem Sohn Robin und lebt in Frankfurt nur 10 Autominuten von der Unfallklinik entfernt. Sie kommt oft mit Robin, um mich zu besuchen


Robin ist immer wieder geschockt von schweren Sportunfällen. Vor einem halben Jahr war er auch selbst betroffen, als er sich beim Wakeboarden ein Kreuzband abriss, das 6 Wochen später mit Hilfe von Teilen der Patellasehne wieder operativ geflickt werden musste 


Auch Sina und Alex hatten etliche Sportunfäle mit Beinbrüchen und Sehnenabrissen. Gilt wirklich der Spruch: SPORT = MORD?


Die Stimmung beim unerwarteten Pfingsttreffen der Kassel-Family im Krankenhauspark der BG-Unfallklinik in Frankfurt ist nicht gerade euphorisch - aber ich freue micht trotzdem, dass alle gekommen sind


Das aktuellste Familienfoto der Kassel-Family vom Mai 2007, das es zur Zeit auf dieser Website gibt......


Um 18 Uhr schicke ich meine Familie weg. Sie wollen heute abend am Main im Motorboothafen grillen. Das Wetter ist schön und warm, aber wie lange noch? Es sind heranziehende Unwetter gemeldet. Robin möchte mich animieren mitzukommen. Rausschmuggeln aus dem Krankenhaus – für ein paar Stunden. Ich würde liebend gerne, aber ich kann nicht. Es geht mir nicht gut genug.

Ab 21 Uhr zieht eine schwere Gewitterfront vom Taunus auf Frankfurt und die Unfallklinik zu. Von meinem Platz im Bett aus habe ich durch die große Panoramascheibe einen schönen Blick auf das beängstigende Inferno. Sturmböen rütteln an Baukränen, verbiegen Bäume und zischen durch Rillen und Ritzen des Krankenhauses. Es wird stockdunkel. Ich rufe meine Kids an und bitte sie, schnell in Deckung zu gehen. Sie müssen die Grillfete abbrechen und fahren in die Wohnung von Jessica und Robin. Die Nacht wird unruhig und Albträume nagen an meiner dünnen Haut.


Sonntag, 27. Mai 2007: Heute ist Pfingsten. Normalerweise war die Kassel-Family früher an verlängerten Wochenenden wie diesem meist auf gemeinsamen Kurztrips in den Alpen zum Snowboarden, Paddeln oder in Holland zum Windsurfen unterwegs. Dass wir uns heute alle wie in alten Zeiten zu einem Pfingst-Event in Frankfurt treffen, das habe ich meiner neuerlichen Erkrankung zu verdanken. Es ist unbezahlbar, wenn man Angehörige hat, die helfend und unterstützend zur Seite stehen, wenn es eng wird.

Von dem Moment an, wo man aus dem fahrenden Lebenszug hinauskatapultiert wird und im Krankenhaus landet, verändert sich schlagartig alles. Es beginnt ein neues Dasein in einer eigenartigen, ganz spezifischen Subkultur, vorherrschend umgeben von weiß und grau. Was nicht heißen soll, dass in einer großen Unfallklinik nicht auch ein buntes Treiben herrscht. Ich liege oder bewege mich in einem Mikrokosmos mit ganz besonderen Gesetzmäßigkeiten. Die Gewichtungen und Wichtigkeiten des täglichen Lebens werden massiv verschoben. Wichtig werden plötzlich Stuhlgang, Temperatur, Thrombosestrümpfe und die Morgenvisite. Und wie man im Sitzen duschen kann samt Haare waschen, ohne dass der Verband nass wird.


Die Wunde heilt gut, aber von Mal zu Mal - bisher 9 (!) Mal - wird die Haut am Schienbein immer dünner, wie man auf diesem Foto sehr gut erkennen kann. Das heißt, es kommt der Tag, da heilt die Wunde nicht mehr zu und eine Hauttransplantation vom Oberschenkel zum Schienbein wird notwendig


Wenn man stunden- und tagelang im Krankenhaus-Bett liegt, dann hat man viel Zeit zum Nachdenken. Durch den Kopf gehen dann schlechte und gute Gedanken.......


Wichtig wird auch eine sinnvolle Rhythmisierung des Krankenhausalltags vom Wecken bis zum Eintreffen der Nachtschwester.

Der heutige Tag bringt während eines netten Gesprächs auf dem Hauptverbandsplatz mit Assistenzarzt Stein eine neue Erkenntnis. Warum ist meine neuerliche Sepsis im linken Schienbein gerade jetzt wieder ausgebrochen? Die ärztliche Antwort lautet: „Offensichtlich ist ihr Immunsystem stark geschwächt worden. Hatten Sie Stress in den letzten Wochen?“ Da brauche ich nicht lange nachzudenken. Mein letztes, achttägiges erlebnispädagogisches Kanuprojekt auf der Lahn vom 5.5.2007 bis 12.5.2007 mit einer 8. Hauptschulklasse der Kopernikusschule Freigericht war Stress pur (siehe hierzu auch unter „Kassels KANUSCHULE“ die Seiten „WPU Kanu 2007“ und „2007 gescheitert“).Dort hatte ich wenig Schlaf, schwierige Schüler, harte Portagen, schlechtes Wetter, Sturm und schwierige Blitzentscheidungen zu treffen. Die Tour musste kurz vor Schluss im Wetterchaos abgebrochen werden. Mein Körper, meine demolierten Beine und meine Nerven wurden dabei grenzwertig belastet. Eine Woche später – bezeichnenderweise erst in einer persönlichen Ruhephase beim Kurzurlaub im Westerwald – hatte ich den Salat: Blitzartiger Ausbruch eines neuen Eiterherdes im linken Schienbein und hohes Fieber.

Der heutige Tag bringt mir daher die wesentliche Erkenntnis, dass ich in Zukunft mein Immunsystem hegen und pflegen muss. Das bedeutet: Keine strapaziösen Projekte mehr, die an die Grenze gehen – weder schulisch noch privat!

Meine Frau Astrid kommt heute schon früh zu mir ins Krankenhaus, während meine beiden Töchter Samira und Sina in fotografischer Begleitung von Alex zunächst einen neuen Klettergarten in Offenbach besuchen. Spät am Nachmittag zeigen sie mir hier in der Klinik auf dem Laptop schöne Fotos ihres spannenden Kletterabenteuers.


ExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkurs


Während ihres Pfingst-Besuches in Frankfurt kümmert sich meine große Tochter Sina, die gerade ihr erstes Lehramtsstaatsexamen in den Fächern Sport und Deutsch abgeschlossen hat, um ihre "kleine" Schwester Samira, damit die in diesen Tagen nicht auch einen Krankenhauskoller bekommt. Sie kommt auf die Idee, Samira einen KLETTERGARTEN zu zeigen


Samira und Sina befinden sich hier in einem ziemlich neu angelegten Klettergarten in Offenbach am Bieberer Berg (http://www.abenteuerpark-offenbach.de/) und ziehen sich gerade die Kletterausrüstung an, bestehend aus Klettergurt zum Anschnallen und Schutzhelm


Eins steht mal fest: In so einem Klettergarten werde ich in Zukunft mit meinen kaputten Beinen nicht mehr zwischen den Bäumen rumhampeln können - aber auf dem Boden, um interessante Fotos  zu schießen, wenn meine Kids da in luftiger Höhe unterwegs sind


Diese Fotos hier von Pfingsten 2007 hat Alex - Sinas zukünftiger Ehemann - mit einer geliehenen Kamera von Robins Kumpel Markus gemacht. Und ich hab' sie im Krankenhaus auf meinen Laptop überspielt und angeschaut. Die moderne Technik macht es möglich


Samira hat gelegentlich ein mulmiges Gefühl bei teilweise schon recht anspruchsvoller Kletterei in erheblicher Höhe. Wirklich passieren kann aber eigentlich nichts, da dort sehr intensiv Sicherheitshinweise gegeben werden und ihre Einhaltung penibel überprüft wird. Stürzt trotzdem mal jemand ab, dann fällt er nicht bodenlos, sondern ins Sicherheitsseil, das am Klettergurt eingehängt ist 


In Kürze wird es hier auf meiner Website eine neue Seite zum Thema "Hochseilgarten" geben - mit viel mehr Fotos und Kommentaren. O.K. Die neue Seite ist jetzt tatsächlich da - zu finden unter Link: http://www.kanukassel.de/376761.html


ExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkursExkurs


Ich bekomme auch wieder Besuch aus der Schule: Heike Ritter, Mutter meiner SchuB-Schülerin Sabrina Pauly, besucht mich bereits zum 3. Mal(!). Und sie bringt ihren Lebensgefährten Tom mit, der für das leider nun stornierte, vom Hessischen Kultusministerium gesponserte Fulda/Weser-Kanuprojekt im Juni 2007 als LKW-Profi mein 50.000-Euro-Busgespann von Campingplatz zu Campingplatz in Richtung Nordsee fahren wollte/sollte (siehe hierzu auch die Seite „SCHUB-KLASSE“ unter „SchuB-Projekt 2“). Und diesmal sind auch die lieben SchuB-Mädels Sabrina und Jasmin dabei, die mir einen Blumenstrauß mitbringen und sich wünschen, dass ich bald gesund werde und wieder in die Schule komme. Ich muss sie leider enttäuschen. Das Wort „bald“ ist in der septischen Chirurgie durch „Geduld“ zu ersetzen.


Wir sind gerade alle im Klinikpark, als dort mit Donner und Getöse genau vor unserer Nase auf der Parkwiese der Rettungshubschrauber „Christopher 1“, der normalerweise in Siegen stationiert ist, mit einem Unfallopfer landet. Der Wind der Rotorblätter fetzt in den Bäumen, Büschen und Blumenbeeten. Hautnah können wir die Arbeit der Luftretter beobachten. Alex und mir stellen sich nicht nur vom Wind die Nackenhaare. Schlimme Erinnerungen werden wach. Alex und ich wurden beide 2003 und 2005 jeweils in wagemutigen Helikopter-Einsätzen aus dem winterlichen Hochgebirge gerettet.


Die 2 lieben SchuB-Schülerinnen Sabrina und Jasmin, die mich auf Pfingstsonntag besuchen, und meine Kids beobachten im Klinikpark aus nächster Nähe den Helicopter-Einsatz


Wenn der Helicopter landet oder startet, verursacht er im  Klinikpark jedes Mal einen heftigen Sturm, bei dem die Blätter und Haare fliegen


Wenn aller Besuch gegangen ist, dann falle ich immer kurz in ein Loch. Besuch lenkt ab. Ist man allein, kommen alle Schmerzen, Ängste, Sorgen und Nöte sofort zurück. Doch zur Zeit gelingt es mir noch, mich immer wieder zusammenzureißen. „Es war schon kälter draußen“ erzählte mir am Morgen ein Leidensgenosse auf K6, der vor 6 Wochen beim Motorradunfall im Odenwald seinen linken Fuß verlor. Er nimmt es nicht so tragisch. Der Mann lebt seit 15 Jahren mit der Diagnose Krebs. Das ist schlimmer als Fuß ab. Sein Stumpf ist gut verheilt und er wird demnächst eine Prothese angepasst bekommen. Weiter geht’s! Nicht auf dem Motorrad, aber in einem immer noch lohnenswerten Leben.

Auch bei mir war es schon verdammt viel kälter draußen. Doch der „Einfüßler“ bringt mich auf die Idee: Warum nicht auch ich mit Prothese? Lieber den morschen, nur noch mit 20 kg belastbaren Unterschenkel ab und durch Prothese ersetzt, als die nächsten Jahre auf einer ständig operationsbedürftigen, septischen „Biostelze“ rumgehumpelt. Der anschauliche Begriff „Biostelze“ stammt vom Stationsarzt Stein. Der Gedanke mit der Prothese beschäftigt mich den ganzen Tag. Es wäre eine gute Lösung, wenn da nicht die Wahrscheinlichkeit bestünde, dass der Stumpf sich auch wieder entzündet. Denn eine Knochenmarksepsis = Osteomyelitis beschränkt sich nicht unbedingt auf den Ort ihres Auftritts. Sie versteckt sich auch hinterhältig an anderen Orten, z.B. oberhalb eines abgesägten Unterschenkels. Die Sache bedarf noch weiterer Überlegungen und Infos.

Montag, 28.5.2007: Der 2. Pfingsttag präsentiert sich grau und regnerisch. Das schlägt mir aufs Gemüt. Eigentlich könnte mir das Wetter bei meinem stationären Klinikaufenthalt ja wurstegal sein. Ist es aber nicht. Bei Regen kann ich nicht in den grünen Klinikpark mit seinen schön duftenden Lindenbäumen und Rosenstöcken. Hier rette ich mich bei trockenem Wetter hin, wenn mir drinnen die Decke auf den Kopf fällt und mich niemand braucht zur Visite, zum Verbinden, zum Röntgen oder Blut abnehmen. Mit Krücken oder Rollstuhl bin ich in 10 Minuten im Park. Heute nicht, heute regnet es in Strömen.

Kurz nach Mittag kommen noch mal schnell Sina und Alex vorbei, die bald nach München zurück müssen. Bei mir bleiben Astrid und Samira, bis auch noch Jessica und Robin dazustoßen. Wir sitzen alle zusammen im überfüllten „Wiener Cafe“. Man könnte hier bei Kaffee, Kuchen und Erdbeereis glatt vergessen, wo man ist – wären da nicht die vielen Rollstuhlfahrer an den Tischen inmitten ihrer Besucher.

Wieder allein am Abend versuche ich es mal mit dem Fernsehen. Normalerweise ist das von mir kein üblicher Zeitvertreib. Die meiste Zeit meines Lebens gab es in meiner nächsten Umgebung kein Fernsehgerät. Zu Recht. Denn auch der aktuelle „Tatort“, Produktion 2007, kann mich nicht wirklich interessieren und ablenken.

Damit ich besser schlafe, nehme ich heute Abend eine VOLTAREN-Schmerztablette. Hardcore-Cocktails aus TRAMAL/NOVALGIN brauche ich nicht mehr. 

Dienstag, 29.4.2007: Ein Regentief zieht über Deutschland und mein Gemüt. Ansonsten „genieße“ ich den Krankenhaustrott. Mittlerweile lege ich sogar Wert darauf, meine Essenskärtchen für Frühstück, Mittagessen und Abendessen des kommenden Tages korrekt auszufüllen. Anfangs hatte ich manchmal das Brot, öfter Zucker und Milch für den Kaffee und meist den empfohlenen Abgabetermin vergessen. Jetzt mach’ ich das alles korrekt. Kurz vor oder gleich nach dem Essen um 11.30 Uhr überfällt mich die Müdigkeit. Aber ich versuche trotzdem tagsüber so wenig wie möglich zu schlafen. Denn sonst folgen schlaflose Nächte. Sie sind schlimmer zu ertragen als schlaflose Tage.

Mein aktuelles, körperliches Befinden ist gut. Der Entzündungsherd im linken Schienbein scheint in der Operation vom 24.5.2007 erfolgreich „ausgeräumt“ worden zu sein. Die Wunde heilt, die Rötung ist beinahe weg und die Schmerzen sind ohne Gegenmittel gut auszuhalten. Doch man sollte in der „Septischen Chirurgie“ niemals den Morgen vor dem Abend loben. Heute wird mein operiertes Bein mal wieder geröntgt. Danach können die Männer in den weißen Kitteln vielleicht genaue Aussagen über die Belastbarkeit machen – und ob es bei der Reduzierung auf nur noch 20 kg bleiben muss.

Dann ist jetzt natürlich auch die nächste Blutuntersuchung von besonderem Interesse. Vor allem, ob der CRP-Wert gesungen ist. Normal ist der Wert 0,5. Ein Tag vor der OP lag er bei 11,5

 

Ich harre der Dinge, die da kommen – und wandere zunächst mal zur Internet-Ecke. Hier kommt man im 2. Stock an 2 veralteten, aber noch einigermaßen funktionellen PCs ins Netz. Das kostet mich immer 1 bis 2 Euros, um E-Mails abzuholen und ins Gästebuch meiner Website zu schauen. Dort befindet sich heute ein besonders interessanter Eintrag meines Schülers Caner Erkelic aus der Klasse H8a, mit der ich vor 2 Wochen beim Kanuprojekt auf der Lahn unterwegs war. Caner gehörte für mich dort zu den größten Versagern. Er schaffte nichts, hatte eine große Klappe und nichts dahinter, wollte bereits am 3. Tag nachhause geholt werden und beging entgültig am Donnerstag kurz vor dem Start der Königsetappe „Fahnenflucht“. Er fuhr mit dem Vater des Griechen Georgios Pirelis heim, der 2 Tage später kam und dafür auch 2 Tage früher aufhörte. Ich hatte mit den beiden in den Stresstagen auf der Lahn viel Ärger. Umso erstaunlicher, was mir Caner heute ins Gästebuch schreibt:

„hey herr kassel man ich hab von ihrem bein gehört man was los man ich wünsch ihnen gute Besserung und gute Besserung noch von der h8a wir würden uns freuen wenn sie wieder so schnell wie möglich wiederkommen um bissien scheiße zu machen mit uns und wir wollen alle wieder Kanus schleppen *Spaß*

aber wir vermissen sie wirklich ich würde mich freuen wenn sie mir zurück schreiben meine e-mail adresse ist king_san17@hotmail.de hadi wir sehen uns in Raum 114c und wenn stress gibt ihrgendwann dann rufen sie mich und geo wir kommen und hauen alles oki hadi. Caner Erkelic, Spitzname: Kanacke, der sich immer verpisst“

Das mir mein türkischer Schüler Caner seine Hilfe anbietet und alle hauen will, die mich stressen, das ist wohl eine besondere Ehre für mich, die Caner nur echten Freunden anbietet.

Mittlerweile ist meine Frau Astrid wieder da, die sich nicht davon abbringen lässt, nach ihren 8 Unterrichtsstunden in der Berufsschule Büdingen auf dem Heimweg noch schnell über Frankfurt nach Freigericht zu fahren. Das sind 80 km Umweg. Es gibt nicht viele Leute hier in der Unfallklinik, die so viel Besuch haben wie ich.

Sie bringt mir neue, wintertaugliche Klamotten zum Anziehen mit, denn am 2. Pfingsttag 2007 gab es über Deutschland einen Temperatursturz von 20 Grad und in den Lagen oberhalb von 800 m einen regelrechten Wintereinbruch.Am Abend begegnet mir noch im Warteraum der Unfallambulanz unser junger Stationsarzt Stein. Ich sitze dort wieder mal am PC, um E-Mails und Gästebucheinträge einzusehen. Dr. Stein ist zwar in Eile, wirft mir aber noch den Satz zu: „Ihr Röntgenbild sieht gut aus. Näheres Morgen früh bei der Visite!“ So was baut auf und damit lege ich mich schlafen.


Mittwoch, den 30.5.2007: Die Nacht schlafe ich sehr unruhig und kurz, dafür aber ohne schmerzstillendes Medikament. Bereits um 4.30 Uhr bei Anbruch der Dämmerung bin ich hellwach, höre dem Aufwachgesang der Vögel zu und beobachte den Himmel. Das Regengrau von gestern hat sich verzogen. Im Osten bahnt sich ein Sonnenaufgang in schönen Rot-Orangetönen an. Ich nehme meine kleine Digitalkamera zur Hand und fotografiere durchs Fenster meines Krankenzimmers. Dann schalte ich den Laptop an und schreibe weiter an diesem Tagebuch. Der Nachtpfleger bringt die Tablettendosis des neuen Tages vorbei und wundert sich, dass ich im Bett sitze und hellwach auf der Tastatur Vierfinger-Suchsystem probiere. Ich muss gestehen, dass mein Tippvermögen auch nach Jahren vielen Schreibens bescheiden geblieben ist.

Bei der Visite weist mich der Oberarzt Kemmerer noch einmal eindringlich auf die Instabilität meines linken, operierten Schienbeins hin. Er meint, schon 2 Schritte bis zum Erreichen der Krücken (heute heißen die Dinger „Gehhilfen“) könnten zu viel sein für den morschen Knochen. Ich widerspreche und stelle fest, dass mein Praxistest zu einem anderen Ergebnis gekommen ist. Dass ich – zugegebenermaßen leichtsinnig und unüberlegt – schon am 2. Tag nach der OP bis in den 2. Stock zum Kaffeeautomaten gelaufen bin – ohne Gehhilfen! Ich merke, der Mann hält mich für ziemlich bescheuert. Das aktuelle Röntgenbild von gestern  zeigt, wo die etwa 20 cm lange Antibiotikakette gut liegt. Es gibt leider keinen verlässlichen Aufschluss über die Belastbarkeit der seit 4 Jahren sehr schlecht verheilten, dafür aber öfter infizierten Bruchstelle.

Bei der Visite sind heute 3 weitere Weißkittel dabei, die ich hier noch nie gesehen habe. Wo die wohl herkommen?

Das erfahre ich Stunden später beim „Joggen“ durchs Krankenhausgebäude. Neuerdings benutze ich keinen Aufzug mehr, sondern laufe Treppen. Das soll verhindern, dass meine Muskulatur immer mehr verkümmert. Wenn die Beine schon morsch sind, dann muss ich mir wenigstens die Muskeln zum sicheren Krückenlaufen erhalten. Besonders blöd ist die Tatsache, dass ich ja nun links nicht nur ein morsches 20kg-Bein habe, sondern rechts auch noch ein vollständig kaputtes, auf 30 Grad versteiftes Hüftgelenk, das vor 7 Jahren – vor Beginn meiner Unfallserie – schon gegen ein künstliches Gelenk ausgetauscht werden sollte. Vor 7 Jahren musste das defekte Gelenk 80 kg tragen, heute sogar ohne zweites Standbein 94 kg! Wie soll das in Zukunft nur gut gehen? Kann es gar nicht! Neue Komplikationen und risikoreiche Operationen stehen an – in gar nicht allzu weiter Zukunft.

Gerade als ich das Treppenhaus im 2. Stock verlasse, tritt ein freundlicher, mir aber vollkommen unbekannter Mann auf mich zu: „Hallo, Sie sind doch der Herr Kassel?“ „Ja, aber wer sind Sie? Und woher kennen Sie mich?“ „Von der Visite heute Morgen. Sie sind mir aufgefallen und ich habe mir ihren Namen gemerkt?“ „Warum?“ „Ich wollte mehr über Sie wissen und habe den PC befragt. Dabei bin ich auf ihre Website www.kanukassel.de gestoßen. Ihre vielen Fotos und Berichte dort sind toll!“

Aha, das waren, wie ich jetzt im Gespräch mit dem freundlichen Gesprächspartner erfahre, heute Morgen bei der Visite also „Gäste“ vom REHA-Beratungsteam. Logisch, in einem Krankenhaus, in dem überwiegend schwer verletzte Menschen eingeliefert und zusammengeflickt werden, spielen sich natürlich auch berufliche Schicksale ab. Nur wenige können nach langwieriger Behandlung und Heilung wieder in ihrem bisherigen Beruf arbeiten. Wäre ich nicht Lehrer und Beamter, wäre ich sicher ein Beratungsfall. Nicht jeder kann seinen Beruf wie ich im Rollstuhl fortsetzen.

Nachmittags kommt noch mal Oberarzt Kemmerer vorbei und bespricht mit mir deutlich entspannter und ausführlicher als morgens bei der Visite das Für und Wider einer Amputation. Die macht nur Sinn, wenn sie weit genug weg vom infizierten Schienbeinbruch stattfindet. Sonst landet auch nach einem Cut der Eiterkeim noch nicht im Müllcontainer und greift eines Tages den Stumpf wieder an. Schneidet man das Schienbein zu knapp unterhalb des Knies ab, dann klappt das mit dem festen Halt einer Unterschenkelprothese nicht mehr. Schneidet man oberhalb des Knies ab, dann wird das Laufen mit der Kniegelenkprothese schon deutlich schwieriger. Ist das ganze Bein futsch, dann........

Also Stopp! Die Info reicht! Der Oberarzt hat mich überzeugt, auch schadhaftes und im Moment kaum nutzbares Terrain nicht kampflos aufzugeben. Vielleicht wird das malträtierte linke Schienbein im Laufe der Zeit und mit Knochenverpflanzungen doch noch stabiler – wenigstens für einige Jahre. Wie eines Tages alles endet, das steht außer Frage. Nur bis dahin fließt hoffentlich noch viel Wasser die Donau hinunter. Und vielleicht kann ich mein Donaubuchprojekt nächstes oder übernächstes Jahr doch noch fortsetzen. Ich werde sehen.....

Kurz nach diesem Arztgespräch ruft mich meine Schulleiterin der Kopernikusschule Freigericht, Frau Studiendirektorin Dörr, auf dem Handy an. Auch diese telefonische Unterhaltung ist nicht substanzlos. Meine Dienststellenleiterin will natürlich nicht nur Auskunft über mein persönliches, aktuelles Befinden, sondern auch darüber, wie’s weitergeht. Ich schenke ihr reinen Wein ein. Punkt 1: Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass ich in Zukunft öfter wegen Krankheit fehlen werde als mir, den Schülern, Eltern, Kollegen und der vorgesetzten Dienststelle lieb ist. Punkt 2: Ich möchte trotzdem im Schuldienst bleiben – notfalls auch im Rollstuhl. Dieses Szenario habe ich mit meiner verständnisvollen und fürsorglichen Schulleiterin schon einmal in den Unfall- und Sepsisjahren 2003 und 2004 durchgespielt. Der Satz meiner Chefin: “Wir brauchen Sie, egal wie!“ ist lieb gemeint und hilft mir auch bei der Entscheidungsfindung weiter. Aber er ist natürlich falsch! Jeder Lehrer ist ersetzbar und ein kranker Lehrer ist Sand im Getriebe einer Schule. Ich werde sehen..... Eine Osteomyelitis ist nicht plan- und steuerbar. Mit ihr wird das Leben zur Glücksache –  auch ohne Lotteriespiel!

Als Astrid gegen 16.30 Uhr wieder mal direkt von der Schule zu mir kommt, da gibt es Einiges zu reden und zu überlegen. Der Abend ist grau und langweilig. Die Krankenhausflure sind öde und menschenleer. Ich jogge noch eine Runde Treppenflur runter und rauf und lege mich ins Bett. 2 typische Fernsehfilme hintereinander bringen mich endlich zum Einschlafen.

Donnerstag, 31.5.2007: Heute wird mein 68-jähriger, freundlicher Zimmerkollege zum 3. Mal an der Achillessehne operiert. Als sie vor 3 Monaten beim Stolpern in der Wohnung abriss, da ahnte er noch nicht, was auf ihn zukommen sollte. Er flog mit seiner Frau erst Mal nach Lanzerote. Doch nach 2 Wochen kam die Erkenntnis und der ärztliche Rat, die wichtige Sehne in der BG-Unfallklinik Frankfurt wieder annähen zu lassen. Erst Wochen später, als die Naht zuhause nicht zuheilen wollte und nässte, kam die Einweisung in die Station K6, Septische Chirurgie. Die erste OP hier vor 8 Tagen mit dem Ausräumen des Eiterherdes und dem Einlegen einer Antibiotika-Kette zeigte keinen Erfolg. Im Gegenteil: Nun ist die Achillessehne in Gefahr und die Haut weggefault. Heute wird ein Antibiotika-Schwamm mit Vakuumpumpe eingepflanzt, der in einer weiteren OP in 7 Tagen wieder raus muss. Ist der Eiterkeim dann immer noch da, beginnt das Spiel von vorne. Erst wenn die Wunde clean und der Infekt raus ist, kann damit begonnen werden, Muskelfleisch und Haut vom Oberschenkel auf die offene Achillessehne zu transplantieren. Auch das gelingt vermutlich nicht auf Anhieb. Der ganze Vorgang kann noch Wochen dauern und die Sepsis wiederkommen. Auf K6 liegen keine leichten Fälle.

Kurz vor seinem heutigen OP-Tag kommt der Oberarzt Kemmerer vorbei und teilt mir das Ergebnis der noch ausstehenden Untersuchungen mit. Die gute Nachricht zuerst: Der CRP-Wert ist seit der OP vor einer Woche von 11,5 auf 0,7 gefallen – also fast wieder normal. Die bakteriologische Untersuchung von Wundsekret hat ergeben, dass sich 2 Eiterkeime beim neuerlichen Angriff auf mein linkes Schienbein verbündet haben: der vom letzten Mal bereits bekannte Staphylokokkus aureus und ein neuer Streptokokkus. Das Blöde daran ist, dass die eingebaute Antibiotika-Kette wahrscheinlich nur tödlich auf ersteren einhaut, der Streptokokkus aber gute Überlebenschancen hat. Deshalb werden ab sofort die täglichen 2 Kapseln LORAFEM gegen 6 Kapseln CLINDAMYCIN ausgetauscht. 10 Tage lang volle Kanne Antibiotika über die Blutbahn auf die Angreifer am Schienbein. Hoffentlich kommt das Zeug auch bis in deren Versteck im hintersten Knochenmark! Ich werde sehen.......

Heute habe ich auch interessante Gespräche mit einer dunkelhäutigen Putzfrau aus Kamerun und der deutschen Krankenschwester auf dem Hauptverbandsplatz.

Nachmittags kommt wieder Astrid auf eine Stunde vorbei, anschließend mein Kumpel Robert und zum Schluss so gegen 20.30 Uhr auch nach einem langen Arbeitstag noch mein Sohn Robin. Es ist schön, wie meine Familie und meine Kumpels an meinem Schicksal Anteil nehmen. Wir reden viel und jedes Gespräch trägt dazu bei, klarer zu sehen und Entschlüsse zu fassen. So werde ich jetzt erstmals versuchen, einen angemessenen Behindertenstatus anerkannt zu bekommen. Früher habe ich das abgelehnt, weil ich mich noch nicht allzu behindert gefühlt habe. Jetzt ist das plötzlich anders. Den ganzen Tag auf einem 20-kg-Bein links und einem Coxarthrose-Bein rechts rumzulaufen, das ist verdammt behindernd. Ich brauche für die kommenden Jahre mildernde Umstände in Form von Wochen- und Lebensarbeitszeitverkürzung.

Freitag, 1.6.2007: Die Kliniktage fließen gleichförmig dahin. Die Wahrnehmung, die Erinnerung und das Zeitgefühl beginnen ungenau zu arbeiten. Würde ich nicht dieses Tagebuch führen, würde ich allmählich das Gefühl für die Zeit verlieren und Wichtigkeiten auf Weniges reduzieren. Ich habe 2 Tage vergessen, hier an meinem Tagebuch zu schreiben und schon fällt es mir schwer, die Geschehnisse im Krankenhaus und um mich herum ins Gedächtnis zurückzuholen. Nur an den Besuch von Astrid und Samira kann ich mich noch genau erinnern und dass wir beim Spaziergang erstmals das Klinikgelände verlassen haben und im angrenzenden Park mit großen alten Bäumen gelaufen sind. Es war wunderschön.

Natürlich darf man während eines stationären Krankenhausaufenthaltes das Krankenhausgelände aus versicherungsrechtlichen Gründen nicht verlassen - aber das ist mir heute egal. Mental ist es von großer Bedeutung für mich, mal wieder andere Bäume und gesunde Menschen um mich rum zu sehen


Doch das 12-stöckige Klinikgebäude K, in dem sich im 6.Stock die berüchtigte SEPTISCHE CHIRURGIE befindet, ist weithin zu sehen. Oben auf dem Dach befindet sich die Luftrettungsstation  CHRISTPH 2 mit Unterstellhalle


Der Luftrettungsstation "Christoph 2" haben viele Menschen im Rhein-Main-Gebiet ihr Leben zu verdanken. Ohne den blitzschnellen Einsatz dieser wendigen, von Piloten der Bundespolizei geschickt geflogenen "Lybelle" wären viele Unfallopfer nicht mehr rechtzeitig auf dem OP-Tisch gelandet


Der ständige Besuch meiner Frau Astrid und meiner Kinder hilft mir sehr, in schweren Zeiten über die Runden zu kommen. Dass mich meine Familie immer wieder aufbaut und klaglos meine körperlichen Behinderungen und zahlreichen Krankenhausaufenthalte hinnimmt, das betrachte ich nicht als selbstverständlich. Chronische Krankheiten verändern nicht nur das Leben, sondern auch die Menschen. Es gibt Tage, da bin ich fürchterlich schlecht drauf und nur noch schwer zu ertragen


Samira hat mir aus der Schule ein Buchgeschenk und Genesungswünsche meiner Kollegen und Kolleginnen vom „RUNDEN TISCH“ mit gebracht. Dort im Vorbereitungsraum des Fachbereichs „Arbeitslehre“ versammeln sich seit Jahrzehnten Lehrer und Lehrerinnen, die sich im großen, offiziellen Lehrerzimmer nicht so wohl fühlen. Das Buch, das man mir schenkt, ist nicht irgendein Buch, sondern ein brandaktueller Abenteuerbericht des Weitwanderpaddlers Detlev Henschel, der im letzten Jahr den riesigen Baikalsee in Ostsibierien im Kajak umrundet hat. Meine Kollegen wissen noch nicht, dass sich für mich gefährliche Kajakreisen in abgelegene Wildnis entgültig erledigt haben. Aber es freut mich, dass sie sich offensichtlich darüber Gedanken gemacht haben, welche Literatur mich interessieren könnte. Schade, den Baikalsee werde ich mit eigenen Augen nicht mehr zu Gesicht bekommen.

Diese Buchgeschenk aus dem engsten Kollegenkreis habe ich schon im Krankenhaus zu lesen begonnen. Nach Inhalt und Schreibstil passt es sehr gut zu mir 


Ich gehe auch nach 31 Jahren Lehrerdasein immer noch gerne zur Schule, auch wenn Vieles dort schwieriger und stressiger geworden ist. Wenn ich mich an meiner Kopernikusschule Freigericht (www.ksf.de) besonders wohlfühle, dann liegt dass in erster Linie an einer kollegialen Schulleitung und den Arbeitskolleginnen und -kollegen, die hier im Baikal-Buch unterschrieben haben


Im Prolog des sehr interessanten Reiseberichts ABENTEUER BAIKAL von Detlev Henschel befindet sich nebenstehender Text, der verdammt treffend auch für mich gilt

Stattdessen habe ich meinen Kampf mit dem Abenteuer „Krankheit“. Meine haarsträubenden, beängstigenden und oft lebensgefährlichen Erlebnisse damit haben eine lange Geschichte. Ich beschließe, mal all meine Krankheitsgeschichten und lebensverändernden Diagnosen der letzten 30 Jahre aufzulisten. Solch eine „Chronik“ brauche ich für meinen Antrag auf Schwerbehinderung.

Doch heute Abend bin ich fix und fertig. Die täglich 6 Antibiotika-Kapseln CLINDAMYCIN greifen nicht nur die widerlichen Streptokokken in meinem maroden, linken Schienbein an, sondern auch gesunde Körperteile und Organe. Die verträgliche Medikation ist ein Hochseilakt, besonders bei der latent vorhandenen, chronischen Darmkrankheit „Morbus Crohn“.

Samstag, 2.6.2007: Es beginnt bereits das 3. Wochenende meiner aktuellen Krankenhaus-Session – die Zeit vergeht wie im Flug. Morgens beim Lesen meiner E-Mails am Patienten-PC lerne ich einen frisch operierten Motorradfahrer kennen, der vor einer Woche einen Unfall im Bergamo hatte. Knöchelbruch und Armfraktur – ansonsten heil geblieben. Er will weiter Motorradfahren. Noch ist es die Welt, auf die es ihm auch in dieser Lage immer noch ankommt. Der Mann hat eine ähnliche Lebensphilosophie wie ich. Ich frage ihn, ob er im Rhein-Main-Gebiet einen Motorradhändler kennt, der Quads und Buggys verkauft. Er nennt mir den Kawasaki-Händler „Am Dornbusch 31“ in Frankfurt.


Ich brauche so schnell wie möglich einen geländegängigen „Turbo“-Rollstuhl, der mich auch bei abfaulendem linken Bein und Coxarthrose-Hüfte rechts noch einige Jahre draußen mobil sein lässt. Den Quad, den ich suche, ist eigentlich kein Quad, sondern ein Gelände-Buggy mit 2 Schalensitzen und Überrollbügel. Für die „Moped-Vierrädler“, die mit Führerschein 3 gefahren werden dürfen, habe ich mich schon vor 3 Jahren interessiert, als der Scheiß mit der Osteomyelitis anfing. Für den Gelände-Buggy brauche ich dann noch einen passenden Transport-Anhänger, so dass wir das Teil überall mit hin transportieren können. In den Westerwald, nach Frankreich und nach Spanien, wo das Fahren abseits asphaltierter Wege noch möglich ist.


Also, eins von diesen PGO-Buggys werde ich in Kürze als Zweisitzer kaufen - koste es, was es wolle. Die "TURBO"-ROLLSTÜHLE haben Automatic-Getriebe und sind deshalb besonders für Leute ohne linkes Bein geeignet


Und so ergibt das einen MOBILEN ROLLSTUHL-EINSATZ an allen schönen Orten im 1000km-Radius rund um die Unfallklinik Frankfurt


Aber heute morgen höre ich erst mal damit auf, weitere Pläne zu schmieden und rumzuspinnen, sondern wage einen Rückblick in meine Krankheitsgeschichte, die ich nun für einen Schwerbehinderten-Antrag schriftlich fixieren muss. Ich habe Mühe, alle aus dem Gedächtnis verdrängten Diagnosen, Erkrankungen und Operationen zu rekonstruieren. Doch es gelingt mir so einigermaßen. Was dabei bis zum Abend herauskommt, das ist selbst für mich, der ich ja alles am eigenen, noch immer lebendigen Leib erlebt habe, erschreckend. So viele schwere, chronische Krankheiten und Operationen, die immer wieder massive Einschnitte ins Alltagsleben bewirkten und häufig radikales Umdenken notwendig machten, die kann man doch eigentlich gar nicht bei guter Laune verkraften. Meine Krankheitschronik bis zum heutigen Tag liest sich wie folgt:

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

                                                              Gerd Kassel – 08.09.1951 – SC K6

                                                 FAKTEN UND DATEN ZUR KRANKENGESCHICHTE

FRÜHGESCHICHTE:

1975: Diagnose MORBUS CROHN in der Uniklinik Gießen
1976: Beginn einer COXARTHROSE in beiden Hüftgelenken infolge von Morbus Crohn 
1977: Beginn einer in Schüben auftretenden FIBROMYALGIE – Rheumafaktor positiv
1977: DARM-OP im Stadtkrankenhaus Siegen
1978: Dauermedikation mit KORTISON und SULFONAMIDEN  
1980: Beginn einer Dauermedikation gegen RHEUMA mit VOLTAREN DISPERS  
1988: ACHILLESSEHNENRISS mit OP im Kreiskrankenhaus Alzenau – Wasserlos
2000: 2 KNOCHENBRÜCHE US rechts: Bein-OP mit Verplattung  in Alzenau-Wasserlos 
2001: Planung HÜFTGELENKPROTHESE rechts Kreiskrankenhaus Alzenau-Wasserlos
2002: Beginnende VERSTEIFUNG HÜFTGELENK rechts

AKTUELLE ENTWICKLUNGEN:

2003 – Januar: 5 KNOCHENBRÜCHE, z.T. MEHRFRAGMENT, im linken und rechten Unterschenkel, Spaltung des Tipiakopfes rechts
2003 – Januar: 1 KNOCHEN-OP in Cluses/Frankreich mit 2 VERPLATTUNGEN im linken und rechten Schienbein. 
2003 – Februar: 2 KNOCHEN-OPs im Kreiskrankenhaus Alzenau-Wasserlos zwecks REVISION von Versäumnissen und Fehlern in Frankreich. 4 VERPLATTUNGEN in beiden Wadenbeinen, im rechten Schienbein und im rechten TIBIAKOPF mit Knochenmasse vom Becken.

Behandelnder und operierender Arzt 2003 im Kreiskrankenhaus Alzenau-Wasserlos:Chefarzt der Chirurgie: Dr. Wolfgang Röder

2003 – Februar: 1 KNOCHEN-OP mit der Entfernung einer Verplattung und dem Einbau eines MARKNAGELS im linken Schienbein, dabei Auftritt einer WUNDINFEKTION. Behandlung durch selbstauflösenden Antibiotika-Schwamm und Antibiotika-Kapseln.
2003 – Juni: Entstehung einer PSEUDARTHROSE im linken Schienbein. Knochenheilung in Frage gestellt. Austausch des 9mm-Marknagels gegen einen 12mm-Marknagel in Erwägung gezogen, aber nicht realisiert.
2003 – Dezember: 1 KNOCHEN-OP mit Entfernung von 3 Verplattungen am linken und rechten Wadenbein und am rechten Tibiakopf.
2004 – Juli: Akuter Ausbruch einer OSTEOMYELITIS im linken Schienbein. Einweisung in berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Frankfurt, K6, Septische Chirurgie.
2004 – August: 3 KNOCHENOPERATIONEN innerhalb von 2 Wochen mit der Entfernung einer Verplattung rechts und des Marknagels links. Aufbohren des linken Schienbeins mit AUSRÄUMUNG des entzündeten Knochenmarks. Einlagerung einer großen Antibiotika-Kette ins gesamte Schienbein, Austausch der großen gegen eine kleine Kette im Bereich der Pseudarthrose. 

Behandelnder und operierender Arzt 2004 in der berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Frankfurt/Main, Abteilung K6 – Septische Chirurgie – ist Chefarzt Dr. Bühler

2004 – August: Beginn einer nicht ergründbaren ANTIBIOTIKA-ALLERGIE
2004 – September: EPILEPTISCHER ANFALL (großer Gehirnkrampf von mehreren Minuten) und GEHIRNBLUTUNG, die schnell zum Stillstand kommt. Eine Dauerbehandlung mit ANITEPILEPTIKA beginnt. Vom Neurologen Dr. (?) in Hanau wird ein halbjähriges Autofahrverbot angeordnet.

Behandelnder Arzt 2004 bei stationärem Aufenthalt 2004 auf der Intensivstation und in der
“Inneren Medizin“ ist der dortige Chefarzt Dr. Roger Agne der LAHN-DILL-KLINIKEN in Dillenburg

2004 – Oktober: Beginn von BLUTHOCHDRUCK. Dauerbehandlung mit BETABLOCKER

Behandelnder, beratender und notwendige Medikamente verschreibender Hausarzt in Sachen der chronischen Erkrankungen Rheumatismus, Coxarthrose und Bluthochdruck ist ab 2004 der Internist Dr. Piper in Freigericht-Horbach

2004 – Dezember: KNOCHEN-OP mit Entfernung der Antibiotika-Kette im linken Schienbein.

NEUSTER STAND:

2007 – Mai: Erneuter, akuter Ausbruch der OSTEOMYELITIS im linken Schienbein. Einweisung durch Hausarzt Dr. Piper in berufsgenossenschaftliche Unfallklinik Frankfurt, Abteilung K 6, Septische Chirurgie.
2007 – Mai: KNOCHEN-OP am linken Schienbein mit Aufbohrung, Ausräumung und Einbau einer Antibiotika-Kette. Seitdem gravierend reduzierte Schwächung des linken Schienbeinknochens mit reduzierter Belastbarkeit. 
2007 – Juni: Ein ständiges LAUFEN MIT GEHHILFEN wird NOTWENDIG. Die Hauptbelastung muss nun das rechte Bein tragen, an dem eine akute Coxarthrose des Hüftgelenks besteht. Das erfordert bei schnell eintretender Überlastung den Einsatz eines ROLLSTUHLS.

Behandelnder und operierender Arzt 2007 an der BG-Unfallklinik in Frankfurt ist der Chefarzt der Septischen Chirurgie, Dr. Walter

Durch die chronischen Krankheiten MORBUS CROHN, COXARTHROSE, PSEUDARTHROSE, FIBROMYALGIE,  EPILEPSIE, HYPERTONIE und OSTEOMYELITIS ist über die Jahrzehnte hinweg nun durch die folgenschwere Verzahnung mehrerer Krankheitsbilder eine sehr SCHWERE KÖRPERBEHINDERUNG eingetreten.

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Bei dieser knappen, stichwortartigen „Krankheitschronik“  ist leider nichts dazu gedichtet oder gelogen. Es war und ist so, wie hier fixiert. Welche Krankheitsbilder und „Totmacher“ sich hinter den für Laien unverständlichen Krankheitsbezeichnungen verbergen, das möchte ich hier nicht weiter ausführen. Jede Krankheit für sich alleine genügt, um den Lebensmut zu verlieren.


Doch stattdessen spazieren meine Frau Astrid und Tochter Samira mit mir nachmittags draußen, außerhalb des Krankenhausgeländes herum. Wir laufen einen holprigen Feldweg entlang, an dem rechts und links Unmengen an Brombeersträuchern blühen.


Danach beim Ausruhen im Krankenzimmer bastelt mir Samira ein Armband und eine Halskette mit Lederband und verschiedenfarbigen Holzkugeln, die sie und ihre Mutter am Vormittag in einem Bastelladen in der Innenstadt von Frankfurt gekauft haben. Diesen Schmuck werde ich erst wieder bei der nächsten vorhersehbaren Operation ausziehen müssen.


Schöne bunte Holzkugeln werden von Samira unter Verwendung von Lederbändern zu Schmuck für mich verarbeitet


Dies ist meine neue Halskette von Samira, die zwar nicht unbedingt krankenhausreif und steril ist, aber bis zur nächsten OP meinen Hals zieren wird


Es gibt nicht viele Kranke hier, deren Kinder Schmuck am Krankenbett basteln. Ich finde das Klasse von Samira .... und schon hängt die Holzkette um meinen Hals


Sonntag, 3.6.2007: Genau vor 2 Wochen brach innerhalb weniger Stunden die neue Sepsis aus. Das kommt mir vor, als sei es schon eine Ewigkeit her, obwohl außer einer Knochenoperation nicht viel passiert ist.

Gestern in den späten Abendstunden beim Einschlafen wäre ich beinahe wieder mal an meiner eigenen Magensäure erstickt. Wenn die plötzlich, noch durchsetzt mit Antibiotika, im Schlaf die Speiseröhre rückwärts bis in den Mund fließt und dabei zum Teil auch in die Luftröhre eindringt, dann werde ich in Panik wach und habe große Mühe, die ätzende Magensäure wieder aus meiner Luftröhre zu husten. Leider hilft mir bei der aktuellen, sehr hohen, oralen Antibiotikatherapie auch kein Säureblocker wie das schon lange verordnete PANTOZOL. 


Da zu diesem Problem im Laufe der Nacht auch noch ein Rheumaschub von der linken kleinen Zeh bis in den rechten kleinen Finger einsetzt, bin ich morgens wie gerädert und muss erstmals seit Tagen zum nächsten gesundheitsschädlichen  Medikament VOLTAREN greifen. Und das greift so gut, dass ich nachmittags mit Astrid, Samira, Jessica und Robin der Klinik für 2 Stunden heimlich den Rücken kehren kann und in Bergen-Enkheim über ein Straßenfest schlendere, bzw. humpele – natürlich mit Krücken. Aber bei diesem ersten Großtest zeigt sich, dass sich meine viele Treppenlauferei in den letzten Tagen gelohnt hat. Ich kann problemlos weite Strecken auf Krücken zurücklegen.


Wieder zurück, basteln Astrid und Samira noch ein paar Ketten und Armbänder, während ich die alten Thrombosestrümpfe samt Orthese von 2004 auf Passgenauigkeit und Funktionsfähigkeit teste. Es haut hin, das Equipment von damals kann ich auch heute noch zur Stabilisierung des linken, maroden Schienbeins benutzen. Ein erster, längerer Lauftest am Abend durch den Klinikpark und durch die Treppenflure von K6 verläuft positiv. Noch schmerzfreier wird die Sache, wenn vorne am Schienbein die Fäden aus der OP-Wunde entfernt sind und der Nahtwulst noch mehr abflacht.


So, das ist jetzt mein Glücksbringer-Armband. Das bleibt immer dran - jedenfalls bis zur nächsten OP, die am 2. August 2007 wieder in Frankfurt stattfindet


Montag, 4.6.2007: „Der Kassel, der kommt wieder, den kann nichts wirklich umhauen. Der steht wieder auf. Der ist unkaputtbar!“ Das glauben viele, die mich schon länger kennen. Ich glaube das langsam nicht mehr. Nach dem neuerlichen Sepsis-Schock bin ich jetzt unsicher und vorsichtig geworden. Früher wäre ich nur wenige Tage nach meiner Krankenhausentlassung wieder zur Arbeit in die Schule gegangen – entgegen ärztlichem Rat und auf eigene Verantwortung – wie es so schön heißt. Aber das ist sowieso der größte Blödsinn. Niemand übernimmt für mich die Verantwortung, auch und vor allem nicht im Krankenhaus! Dort unterschreibe ich für Jedes und Jeden unzählige Formulare, die jeden Chirurgen und Anästhesisten aus der Verantwortung nehmen. Geht was schief, ist niemand schuldig und zur Rechenschaft zu ziehen.

Heute bleibe ich solange zu Hause, wie ich krank geschrieben werde. Letztendlich hat es mir niemand gedankt, wenn ich das früher anders handhabte. Heute riskiere ich nicht mehr einen Rückfall oder einen erneuten Zusammenbruch meines Immunsystems.

Aber jetzt will ich nach Hause. Ich fühle mich gut, die Wunde sieht gut aus. Ich kann wieder einigermaßen schmerzfrei laufen. Nur eine neuerliche Blutuntersuchung steht noch aus. Der CRP-Wert ist von besonderem Interesse. Liegt er wieder im Normalbereich von 0,5? Bei der letzten Kontrolle lag er bei 0,72. Das war schon gut, jetzt müsste es noch besser sein.

Aber die Ärzte lassen heute am Montagmorgen auf sich warten. Als Chefarzt Dr. Walter nach seinem 10-tägigen Urlaub auf dem „Hauptverbandplatz“ erscheint und seine Privatpatienten in Augenschein nimmt, ist er recht wortkarg und reichlich uninformiert über den Stand der Dinge. Er hat noch keinen Einblick in meine Krankenakte genommen, weiß nichts von einem zweiten Keim und auch nichts von meiner neuen Antibiotika-Therapie. Aber er hält das optische Aussehen meines Schienbeins für entlassungswürdig. Ich darf morgen früh gehen – vorrausgesetzt, das noch neu zu erstellende Blutbild spricht nicht dagegen.

Auf meinen Hinweis, dass ich in Kürze u.a. wegen meiner Osteomyelitis einen Antrag auf Schwerbehinderung stellen möchte, winkt er nur ab und meint, dass sei sinnlos. Schwerbehindert sei man erst, wenn beide Beine ab wären. Diese Äußerung zeigt, dass Dr. Walter meine Anamnese nicht kennt – und sich auch nicht weiter dafür interessiert. Typisch Facharzt! Auf ihn als ärztliche Hilfe und „Gutachter“ beim Antrag auf Schwerbehinderung kann ich also nicht bauen. Aber immerhin verweist er mich an den „Sozialen Dienst“ des Hauses und ruft Herrn Nann an, den ich bereits kennen gelernt habe. Das ist der Mann, der vorletzte Woche bei der Chefarzt-Visite dabei war, sich meinen Namen gemerkt hat und bei der Internet-Recherche auf www.kanukassel.de gestoßen ist.

Um 13 Uhr habe ich beim REHA-Berater Herrn Nann einen Beratungstermin und werde freundlich und kompetent über das Thema „Antrag auf Schwerbehinderung“ aufgeklärt. Ich verlasse sein Büro mit einem Antragsformular und der Gewissheit, dass es Sinn macht, das Formular auch auszufüllen und mit allen möglichen Arztberichten an das „Hessische Amt für Versorgung und Soziales“ zu schicken. Ein Behindertenausweis dürfte mir gewiss sein. Interessant ist lediglich die Frage der Festlegung des Grades der Behinderung. Nur was über 50% liegt wird mir in Zukunft berufliche Erleichterungen bringen. Ich werde sehen.......

Am späten Nachmittag kommt meine Frau Astrid nach anstrengender Arbeit mit Gesellenprüfung und Prüfungskorrektur noch bei mir in Frankfurt vorbei. Hoffentlich vorläufig das letzte Mal! Denn ich will unbedingt nach Hause. Aber auch um 16.30 Uhr liegt mein Blutbild noch nicht vor.

Doch 3 Minuten später öffnet sich die Tür und ein komplette Chefarzt-Visite läuft ab mit Chefarzt, Oberarzt, Assistenzarzt. Mein CRP-Wert ist wieder leicht angestiegen – von 0,72 auf 2,7! Warum, wieso, weshalb? Das weiß niemand so genau. Ich kann trotzdem morgen früh nachhause. Mehr wie bei dieser 1. Klinik-Session im Mai 2007 geschehen ist, kann man im Moment nicht mehr für mich tun.

Es wird sich zuhause zeigen, was die nächsten Stunden, Tage oder Wochen bringen werden. Der aktuelle Kampf 2007 im linken Schienbein ist noch nicht entschieden. Gewinnen die Eiterkeime, nun ja, dann beginnt die 2. Session 2007. Morgen, nächste Woche, in 3 Monaten? Ich werde sehen......

Natürlich kommt heute Abend bei mir keine echte Freude auf. Der CRP-Wert gefällt mir nicht. Aber diese heimtückische Krankheit Osteomyelitis bedeutet nun mal ein ständiges Auf und Ab zwischen Hoffen und Bangen, Freude und Verzweiflung, Euphorie und Apathie.

Ist das heute meine vorläufig letzte Nacht in einem Krankenhausbett? Ich freue mich auf zuhause. Und wenn es nur für ein paar Tage „Fronturlaub“ sein sollte! Ich muss lernen, bescheiden zu werden, sehr bescheiden.


Dienstag, 5.6.2007: Um 4.32 Uhr werde ich schon wach – ausgeschlafen. Heute darf ich nachhause. Das Bein ist ruhig geblieben. Ich schicke Astrid ein SMS und mache den Laptop an. Zum letzten Mal schreibe ich an diesem Krankenhaus-Tagebuch und beobachte zum letzten Mal den Sonnenaufgang. Heute Vormittag geht es für ein paar Tage wieder nachhause. Wenn ich Glück habe, muss ich erst in 6 Wochen wieder hierher zur OP. Dann muss die Antibiotika-Kette wieder aus dem Schienbein raus. Wenn ich Pech habe, bin ich früher wieder hier – und brauche eine neue Antibiotika-Kette!

Mein Sohn Robin, der bei Windsurfing-Rhein-Main hier in Frankfurt arbeitet, wird sich 2 Stunden frei nehmen und mich nach Freigericht bringen.

Bin ich bei dieser Klinik-Session im Mai/Juni 2007 mit einem blauen Auge davongekommen. Mit nur einer OP und 2 Wochen stationärem Krankenhausaufenthalt? Ich werde sehen.......... 


TheendTehendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheendTheend

 
Top