
Eigentlich war dieser Sommer 2004 ganz anders geplant. Nach meinem schweren Snowboardunfall im Januar 2003 mit 5 Knochenbrüchen in beiden Beinen (siehe hierzu die Seite „Knochensalat“) war ich 18 Monate später wieder körperlich einigermaßen fit. Nicht für große Abenteuer, Anstrengungen und Heldentaten, aber für einen Segeltrekking-Trip durch Schwedens Ostsee-Schärenwildnis sollte es eigentlich reichen. Zwar hatte ich noch Metall in beiden Schienbeinen, aber die Tests und Vorbereitungen für diese Katamaran-Tour (siehe hierzu die Seite „Segeltrekking“ unter „Segeln und Surfen“) zusammen mit dem erfahrenen Segler und Freund Rainer Sommerkorn aus München waren erfolgreich verlaufen. Wir waren startklar, um den August 2004 mit Segel, Sack und Pack draußen zu verbringen. Meine Vorfreude, nach langer Unfall-„Auszeit“ wieder outdoors in Skandinavien unter nordischem Himmel unterwegs zu sein, war groß.

Nach einem letzten Segeltest samt Zeltgepäck an Deck – zusammen mit meiner Frau Astrid und unserer Tochter Samira (9) auf der Krombachtalsperre im Westerwald – treten am Abend des 25.7.2004 plötzlich starke Schmerzen in meinem linken Schienbein auf. Nachdem meine bewährten Schmerzmittel Tramal und Novalgin auch in Höchstdosierung nicht helfen, mache ich mir Sorgen. Verdammt, was ist das? Ist etwa die Metallstange gebrochen? Die steckt als sogenannter Marknagel von 38 cm Länge und 9 mm Dicke seit 18 Monaten zur Reparatur des Mehrfragmentbruchs noch immer im Knochenmark des linken Schienbeins. Scheiße, habe ich es mit den Belastungstests übertrieben?
Das können nur Fachärzte im Krankenhaus und ein Röntgenbild klären. Am Morgen des 26.7.2004 düsen wir von unserem „Basis- und Vorbereitungslager“ für den Schweden-Segeltrip an der Krombachtalsperre im Westerwald ins 150 km entfernte Kreiskrankenhaus Alzenau-Wasserlos, wo meine diversen Knochenbrüche der vergangenen 4 Jahre in 5 Operationen fachmännisch zusammengeflickt worden waren. Leider ist der Arzt meines Vertrauens, Dr. Röder als Chef der Chirurgie, in Urlaub. Nach einer Röntgenaufnahme wird mein Problem von den beiden Oberärzten Frau Dr. Grasmücke und Dr. Kaltwasser in Augenschein genommen. Diagnose: Stange noch ganz, Gefahr einer Pseudarthrose der linken Tibia unverändert, Entzündung nicht erkennbar, Rückführung meiner starken Schmerzen auf Überlastung. Therapie: Bein schonen, hochlegen und mit Eis kühlen! Empfehlung: Wiedervorstellung eine Woche später beim aus dem Urlaub zurückgekehrten Chefarzt des Hauses! Ich bin zunächst erleichtert und denke:

Doch das ist ein verdammt großer Irrtum, wie sich leider erst Tage später rausstellen wird!
Wir fahren jedenfalls zurück ins „Basislager“ im Westerwald. Ich wickele mir Eisbeutel ums schmerzende Schienbein und glaube immer noch an den geplanten Schweden-Trip. Doch statt Linderung durch Ruhe und Eis werden die Schmerzen unerträglich. Am Schienbein erscheint eine zunehmende Schwellung und in meinem Kopf steigende Panik. Hier ist was oberfaul! Was tun?
Am Dienstag, den 27.7.2004 fahren wir zu einer chirurgischen Gemeinschaftspraxis nach Herborn, um eine neue Diagnose und Rat einzuholen. Der kommt schnell! Ein Blick aufs lädierte Bein genügt. Überweisung ins Krankenhaus! Diagnose:

Was ist das? Ganz einfach: Eine akute Vereiterung im Knochenmark des linken Schienbeins, wo die Metallstange drinsteckt! Und nicht nur das! Das Schienbein ist an der Bruchstelle nicht ordentlich zusammengewachsen, wie man auf dem Röntgenbild erkennen kann. Stattdessen hat der Knochen eine Pseudarthrose = Scheingelenk gebildet. Der im Knochenmark explodierende Eiter sucht sich durch die Bruchstelle seinen Weg nach außen. Daher die krassen Schmerzen!
Am Morgen des 28.7.2004 erfolgt nach einem Bluttest die sofortige stationäre Aufnahme in der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik (BGU) in Frankfurt. Normal ist ein „CAP“-Wert von 0,5 (gibt Auskunft über den Grad einer Infektion im Körper). Mein Wert liegt an diesem Morgen bei 25. Das ist extrem hoch! Damit hat sich der geplante

Die BGU in Frankfurt ist eine bekannte, gute Unfallklinik, die stark frequentiert wird. Stündlich landen von überall her Rettungshubschrauber und bringen "Frischfleisch" (ich weiß, das klingt ziemlich markaber, aber es gehört zum Langzeitpatienten-Jargon)
Statt Schwedentrip erfolgt auf der Spezialstation „Septische Chirurgie“ die zügige Vorbereitung auf eine größere Operation am linken Bein. Ich bin geschockt, aber ein Trost bleibt mir: Ich bin endlich in den Händen von Spezialisten für infizierte Knochenbrüche gelandet.
Noch am ersten Tag lerne ich einige Langzeitpatienten auf der Station K6 kennen. Sie nehmen mir die Hoffnung auf schnelle Genesung.

machen sie mir gnadenlos klar und erzählen unglaubliche Krankheitsgeschichten mit unzähligen Operationen (Ops) und immer wieder aufs Neue vereiterten Knochen und nicht zuheilenden Wunden. Auf meinem Zweibett-Zimmer liegt Karl, Dauergast mit „Zweitem Wohnsitz“ im BGU seit 2001 und 25 Ops. Doch das ist noch gar nichts. Der „Rekord“ von Bernd liegt bei 102 Ops! Unglaublich, das hält doch kein Pferd aus! Da stehe ich mit meinen lächerlichen 5 Ops seit 2000 ja erst am

Aber Zeit zum Grübeln bleibt mir nicht mehr. Am Donnerstag, den 29.7.2004 beginnt ein „Operationsdreiteiler“ mit 3 Ops in 13 Tagen, 3 Vollnarkosen, Höchstdosen an Antibiotika sowohl intravenös wie oral, jede Menge starker Schmerzmittel und folgender Medikamenten-Allergie mit Kortisonbehandlung.
Das ist für mich zweifellos eine neue Grenzerfahrung und Abenteuer life – ohne Netz und doppelten Boden – und mehr als für den Sommer 2004 geplant und geahnt.
Dr. Bühler, der mich behandelnde Chefarzt der Abteilung „Septische Chirurgie“ im BGU geht davon aus, das die Sepsis (chronische Entzündung) bereits mit dem Einbau des Marknagels vor 18 Monaten ins Knochenmark des linken, gebrochenen Schienbeins geriet. So was kann vorkommen und gehört zu den Risiken jeder OP, für die der Operateur keine Verantwortung übernimmt. Das bedeutet, ich bin anderthalb Jahre auf einem vereiterten Marknagel herumgelaufen und habe die dabei auftretenden Schmerzen für normal gehalten. Ich verdammter Idiot! Aber woher sollte ich das wissen? Die zahlreichen Kontrolluntersuchungen hatten zwar Bolzenbruch am Marknagel und unvorteilhaftes Zusammenwachsen (Pseudarthrose) des Schienbeins zu Tage gefördert, aber zu keinem Zeitpunkt eine chronische Entzündung!
Aber wie dem auch sei: Meine vor 4 Jahren begonnene

Nach Knöchelbruch rechts beim Windsurfen 2000, 5 Trümmerbrüchen in beiden Unterschenkeln beim Snowboarden 2003, habe ich nun ab 2004 mit zahlreichen OPs im Kampf gegen chronische Knochenmarksepsis und Beinamputation zu rechnen.
Im Moment fühle ich mich wie ein

der unverdrossen die glatte Steilwand hoch krabbelt, um kurz vor Erreichen des rettenden Randes auf den Nullpunkt zurück zu rutschen.

Da wette ich drauf. Ein Leben in der Badewanne ist mir zu langweilig!
Dass wir den Sommer statt in schwedischer Wildnis in einem Frankfurter Park verbringen, der von einem "Grünflächenamt" verwaltet wird, das hätte ich mir auch nicht träumen lassen. Aber es ist schön hier! Man wird verdammt bescheiden, wenn man dem OP- und Krankenhausgestank entfliehen möchte!
Wenn man sich nach einem radikalen Szenenwechsel plötzlich in einer Unfallklinik wiederfindet, dann fängt man an, sich Gedanken zu machen über Gott und die Welt..... und die Wichtigkeit eines jeden schönen Lebenstages. Und jedes Mal in einer solch besonders beschissenen Situation nehme ich mir vor, die restlichen Lebenstage sinnvoller zu nutzen und jeden Sonnenstrahl zu genießen, ehe es dunkel wird um mich rum!
Lebt man plötzlich mehrere Wochen in einem Krankenhaus, entwickelt man eine besondere "Überlebensstrategie". Im Gegensatz zum anonymen Alltag draußen rücken hier die kranken Menschen näher zusammen und duzen sich automatisch. Man erzählt wildfremden Menschen seine Lebens- und Leidensgeschichte und Ängste und Nöte.
Mit jedem Hubschrauber, der auf dem Dach der BGU landet, landet auch ein neues Schicksal im Krankenhausgeschehen.
Zierblumen im Krankenhaus-Park - im Alltag laufe ich achtlos an sowas vorbei. Jetzt erregen diese schönen Blüten mit ihren knalligen Farben meine volle Aufmerksamkeit. So verschieben sich plötzlich die Relationen!
WAS WURDE NUN EIGENTLICH MIT MEINEM STARK VEREITERTEN SCHIENBEIN SO ALLES GEMACHT?
Ganz einfach (Zitat aus handschriftlichem, vorläufigem Arztbrief bei meiner überraschend frühen Entlassung am 13.8.2004): Die „infizierte Pseudarthrose der linken Tibia mit Markraumphlegmone“ wurde mit wachsendem Erfolg drei Mal „ausgeräumt“! So lautet jedenfalls der Chirurgenjargon. Dabei erfolgte eine „Marknagelentfernung“, eine „Markraumaufbohrung“, eine „Markraumspülung“, eine „Pseudarthrosenrevision“, eine „Septopalkettenimplantation“, eine „Defektabdeckung mit Cutinova“, eine erneute „Revision“ samt „Entfernung einer ME (Platte + Schrauben) an der rechten Tibia“ und eine „Hämatomausräumung“.
Auf verständlichem Deutsch klingt das so: Zunächst wurde in der 1. OP am 29.7.2004 die Metallstange im linken Schienbein mit einem Gewindegriff herausgezogen. Dazu wurde das Knie aufgeschnitten und der Schienbeinknochen vorgeklappt, um an die „Baustelle“ heranzukommen. Mit einem 40 cm langen und 12 mm dicken Bohrer wurde das vereiterte Knochenmark „ausgeräumt“ (diese bildhaft-anschauliche Vorgangsbeschreibung fasziniert mich noch heute!). Der entstandene Hohlraum wurde ausgespült und mit einer genau passenden Antibiotika-Perlenkette wieder aufgefüllt und verschlossen. Die große, 15 cm lange Eiterbeule am Schienbein vorne wurde aufgeschnitten und auseinandergeklappt, damit über 8 Tage bis zur 2. OP das Wundsekret (sauberer Begriff für das widerlich stinkende Wort „Eiter“) ausbluten konnte. Daher wurde die Wunde nicht wieder zugenäht (war auch aufgrund des aufgequollenen Fleisches und fauliger, hauchdünner Haut gar nicht möglich!). In die offene Wunde wurde ebenfalls eine Antibiotika-Perlenkette eingelegt. Das ganze wurde bis zur 2. OP mit einer durchlässigen Kunsthaut abgedeckt, die an den Wundrändern mit Metallklammern fest getackert wurde.
Nach dieser 1. OP war eine Woche Pause, um den Eingriff wirken zu lassen. Der CAP-Wert fiel von 25 auf 11. Das war gut, aber nicht bestens. Als wieder Eiter aus der offenen Schienbeinwunde quoll, erfolgte der 2. chirurgische Eingriff. Noch mal das gleiche Spiel mit „Ausräumen“ und „Ausspülen“. Diesmal mit dem Versuch, die Wunde zu vernähen. Klappte zunächst auch. Außerdem wurde die letzte Metallplatte samt 7 Schrauben aus dem rechten Schienbein entfernt. Ich war erstmals seit meinem Snowboardunfall vor 18 Monaten wieder metallfrei und ohne Fremdkörper in beiden Beinen. Der CAP-Wert fiel nach ein paar Tagen auf 4! Das gab Hoffnung auf vorläufige Heilung und baldige Entlassung. Doch um die gefährliche Freude zu dämpfen, erschien tags drauf prompt ein Hämatom am linken Schienbein. Aber kein Problem, das wurde am gleichen Vormittag in einer 3. OP schnell wieder „ausgeräumt“!

Seit 2 Wochen bin ich wieder zu Hause und habe mit meiner persönlichen Rehabilitation im Westerwald begonnen (siehe hierzu die Seite „Reha – Nein danke!“). Seit einigen Tagen trage ich am linken Schienbein eine sogenannte Orthese. Das ist eine genau angepasste Sandwich-Schale aus PE, um das Schienbein zu stützen, das ja aufgrund einer Pseudarthrose nicht vollständig zusammengewachsen ist (siehe hierzu die Seite „Orthese? Na klar!“). Da der Einbau eines neuen Marknagels zur Pseudarthrosenrevision zu einem neuen Aufflackern der chronischen Sepsis führen kann, werde ich die Orthese wohl für immer tragen müssen – in der Hoffnung, das sie nicht allzu bald gegen eine Prothese (waschmaschinenfester Unterschenkelersatz) ausgewechselt wird. In 2 bis 3 Monaten rücke ich wieder zu einer weiteren OP ins BGU ein. Eine Antibiotika-Perlenkette muss aus dem linken Schienbeinloch entfernt und die Lücke mit Knochenmasse aus meinem Becken „zugespachtelt“ werden. Bis dahin werde ich körperlich und mental wieder fit sein, nicht „for fun“, sondern um aufs Neue die OP-Strapazen zu ertragen!

Übrigens: Wir hatten in diesem Sommer 2004 auch riesiges Glück im Unglück! Wäre der 18 Monate „schlafende“ Erreger im Knochenmark des linken Schienbeins auch nur eine Woche später zu explosiver Tätigkeit erwacht, dann wäre das beim Segeltrip mitten in Schwedens Schärenwildnis fernab jeder Zivilisation passiert! Das hätte eine Not-OP mit Schweizer Taschenmesser, Jod-Tinktur und 54%igem Rum bedeutet. Ich weiß, das klingt verrückt, wäre aber Fakt gewesen. Und hätten wir überhaupt Handy-Kontakt zum Hilfeholen gehabt? Auf jeden Fall wäre wieder mal eine kostspielige Bergung lebensnotwendig gewesen, diesmal nicht mit dem Lawinenspreng-Helikopter aus dem Hochgebirge (siehe hierzu die Seite „Knochensalat“), sondern eine Seenotrettung, vermutlich mit einer kleinen Cessna, einem in der Schärenwelt üblichen Wasserflugzeug. Sicher wäre auch unser neuer Segelkatamaran samt Hightech-Zeltausrüstung zum Teufel gewesen! Oh Mann, allein der Gedanke daran verursacht Angstschweiß auf meiner Stirn. Dagegen waren die 3 OPs im BGU in FFM ja echt ein Kinderspiel!

Da steh' ich morgens am 10.11.2004 mal wieder in der Warteschlange vor dem Sekretariat der Unfallklinik Frankfurt zwecks stationärer Aufnahme und wer steht da plötzlich hinter mir? Hans, mein alter Zimmer- und Leidensgenosse vom August 2004, als wir uns schon mal auf der septischen Chirurgie K6 das Zimmer 610 und alle Freuden und Leiden eines langen, beschissenen Klinikaufenthaltes teilten. Logisch! Wie heißt denn gleich der blöde, aber leider wahre Spruch: EINMAL SEPTISCH - IMMER SEPTISCH Auf K6 trifft man doch immer wieder denn einen oder anderen Bekannten. Hans bleibt nicht der einzige, hat aber das größte Problem: Seit Sommer 2004 ist sein linkes, künstliches Hüftgelenk, was ihm vor 4 Jahren eingebaut wurde, vereitert. Sowas nennt sich dann SPÄTSEPSIS! Zwei OP-Versuche, den Eiterherd frei zu legen und zu killen, sind fehl geschlagen. Jetzt folgt die Radikalmethode: Alles raus und "ausgeräumt"! Hans, der arme Hund, muss solange ohne Hüftgelenk vegitieren, bis die "Baustelle" keimfrei wird. Das kann Monate dauern! Oder Jahre! Oder klappt nie mehr! Wir werden am gleichen Morgen des 11.11.2004 hintereinander ins OP geschoben. Hans ist ein wertvoller Zimmerkollege: Immer fröhlich und zu Scherzen aufgelegt, selbst wenn "die Kacke am Dampfen ist", nie wehleidig. Sein einziger Nachteil: Er schnarcht wie ein Nilpferd!

Leider bin ich auch nach der 10. OP noch nicht fertig mit dem Thema. Ich leide immer noch unter Bluthochdruck, Allergie und der Angst, dass die chronische Sepsis erneut ausbricht!
|