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Achtung: Das nächste Kanuprojekt von Gerd Kassel mit Schüler/innen der Kopernikusschule Freigericht findet vom 26.6.2004 bis 3.7.2004 auf der Lahn statt. Wer sich dafür interessiert, der kann gerne vorbeischauen oder sogar einige Zeit mitpaddeln! (siehe Sonderseite "Lahnprojekt 2004")

Gerd Kassels Schul-Kanuprojekte an der Kopernikusschule Freigericht (hier 9-Tages-Gepäcktour auf Fulda und Weser Juni 2000)                                                                                                                                                                        


SOWOHL PRIVAT WIE AUCH ALS LEHRER AN DER KOPERNIKUSSCHULE FREIGERICHT - DER GRÖSSTEN SCHULE HESSENS  - BIN ICH OFT AUF MEHRTÄGIGEN KANUTOUREN IN ALLER WELT UNTERWEGS. AUF DIESER SEITE MÖCHTE ICH FÜR INTERESSIERTE LEHRER UND SOZIALPÄDAGOGEN IN ANSCHAULICHER KURZFORM MEIN KANUPROJEKT-KONZEPT VORSTELLEN.

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                         VON DER ÜBERHOLTEN LERNFABRIK ZUR MODERNEN GANZTAGSSCHULE 

                                        -           Abbau von Hemmungen und Ängsten

                              -           Aufbau von mentaler Stärke und Durchhaltevermögen

                                   -           Bewältigung von Konflikten und Problemen                                                

                                   -           Bekämpfung von Gewalt und Aggressivität

                                -           Kennenlernen von Kameradschaft und Mitgefühl

                                      -           Integration ausländischer Mitschüler

                            -           Einstudieren von Selbständigkeit und Verlässlichkeit

                     -           Förderung körperlicher Fitness und handwerklicher Fähigkeiten

                   -           Erlernen der Arbeit im Team und des Lebens in der Gemeinschaft

                                 -           Übernehmen von Verantwortung und Führung

                                -           Selbständige Lösung überschaubarer Aufgaben

                                  -           Die Natur schätzen und schützen lernen

                          -          Weg vom passiven Konsumieren zum praktischen Tun

Achtung: Ein Buch über mein erlebnispädagogisches Kanuprojekt ist in Arbeit. Wer sich für diese Arbeit interessiert, der nehme Kontakt per Mail oder Gästebuch auf !          


                                                         ÜBERS WASSER AUF ZU NEUEN UFERN

                                                             Kanufahren als soziale Therapie
                         Der Fluss als erlebnispädagogischer Lernort für Schule  und Jugendsozialarbeit
                                Praxisleitfaden für die Planung und Durchführung von Kanuprojekten



Start eines Deutsch-Polnischen Kanuprojekts auf der Lahn im Juni 2002 mit 42 Kanuten in 21 Booten.


                                         DIE STRASSENKIDS VON HEUTE: AUSGEBOOTET ?!?

 Immer mehr Kids stehen heute neben sich und der Gesellschaft, ohne guten Schulabschluss, ohne Hoffnung auf Lehrstelle und Job. Frustriert vom Leben fühlen sie sich überflüssig, abgeschoben – ausgebootet! Die logische Folge: Sie hängen ab, saufen, kiffen, schlagen um sich. Das kann und darf wohl so nicht bleiben, meint jedenfalls Gerd Kassel, Kanu-Spezialist und erfahrener Lehrer für ungeliebte Problemschüler an einer hessischen Gesamtschule. Seit Jahren versucht er in erlebnispäda&gogischen Unterrichtsprojekten ausgeflippte Kids zurück ins  Boot zu holen – im wahrsten Sinne des Wortes. Zu diesem Zweck hat er eine schuleigene Kanuflotte und in Theorie und Praxis sein erfolgreiches Projekt „Bootfahren als soziale Therapie“ aufgebaut. Auf den folgenden Seiten erzählt Gerd von seinen Erlebnissen damit und ob’s unterm Strich was bringt, mit einer wilden Horte scheinbar schwer Erziehbarer auf  große Kanutour zu gehen.
 
                                  KANUPROJEKT AN DER KOPERNIKUSSCHULE FREIGERICHT 


                                     
                     Konzept eines erlebnispädagogischen Projekts für Schule und Jugendsozialarbeit

                                                Bootfahren live: Szene 1 – Hameln an der Weser

Unglaublich! 25 Kids stürzen sich mit freudigem Gejohle kopfüber in das schmutzige und kalte Wasser des Weserflusses. Ich versuche noch, sie zurückzuhalten, doch niemand und nichts kann sie in ihrer überschäumenden Begeisterung bremsen. Auch ich muss dran glauben! Mein Kanu wird zum Kentern gebracht und ich versinke fluchend in den braunen Fluten eines der schönsten  Kanuwanderflüsse Deutschlands. Diese Vollidioten, muss das sein nach einem langen und anstrengenden Paddeltag? Es scheint so. Eine wilde Wasserschlacht beginnt – nicht etwa in Badebekleidung, sondern in voller Schlechtwetter-Montur mit Regenanzügen, Gummistiefeln und Schwimmwesten. Zum Glück in Schwimmwesten, sonst wären jetzt einige vor Erschöpfung glatt abgesoffen. „Hurra, wir haben’s geschafft! Wir sind da!“ Immer wieder wird die unbändige Freude herausgebrüllt: „Hurra, wir sind am Ziel! Wir haben’s gepackt! Wahnsinn!“

Ein unbeteiligter Beobachter dieser merkwürdigen Szenerie – noch dazu in den Abendstunden eines kühlen, total verregneten Frühsommertages, an dem normalerweise kein Hund vor die Tür geht – hätte sich mit Grausen abgewandt: Typisch, die Jugend von heute! Total durchgeknallt!

Wie’s der Teufel will nähert sich in dem Moment, als ich prustend ans Ufer robbe, ein älterer, griesgrämiger Herr mit Regenschirm und widerwilligem Dackel auf Gassi-Tour. Kopfschüttelnd bleibt er stehen und schaut ungläubig auf meine tobende Schulklasse. „Sind sie etwa der verantwortliche Leiter dieser Verrückten da?“ fragt er mich prompt. Mir bleibt nichts anderes übrig, ich muss bejahen. „Besitzen sie nicht die Autorität, diesen Unsinn da zu verhindern?“ will er auch noch wissen. „Nein, im Moment brauche ich keine Autorität mehr. Es ist alles bestens. Ich bin am Ziel. Da wollt’ ich hin!“ provoziere ich weiteres Unverständnis bei dem alten Mann, der zornig mit der Bemerkung weiterdackelt: „Und das schimpft sich Pädagoge! Kein Wunder, dass unsere Jugend immer fauler und verwahrloster wird!“ Ich nehm’s halbwegs gelassen hin, denn was dieser verständnislose Mensch natürlich nicht wissen kann und will: Meine 9. Hauptschulklasse, die in unserer Schule tatsächlich nicht den besten Ruf besitzt und in den letzten Jahren als ‚schwer erziehbar’ abgestempelt worden ist, hat heute eine fantastische Leistung vollendet. 232,5 Kilometer flussaufwärts sind wir vor 7 Tagen in Rotenburg an der Fulda zu einer Kanu-Gepäcktour gestartet und haben heute Abend trotz Dauerregen, Gegenwind und Kälte unser Ziel Hameln an der Weser erreicht. Das ging nur mit großer Ausdauer, guter Moral und in kameradschaftlicher Zusammenarbeit.


Im Jahr zuvor war ich mit dieser sogenannten Problem-Klasse bereits zu einer mehrtägigen Kanu-Übungstour auf der für Jugendgruppen bestens geeigneten Lahn unterwegs. Die auf diesem beliebtesten deutschen Kanuwanderfluss erworbenen Fähigkeiten und Kenntnisse wurden in den zurückliegenden Tagen unter schwierigsten Wetterbedingungen auf unserer Fulda/Weser-Abschlussfahrt bestens umgesetzt, sonst hätten wir unser Ziel hier heute Abend in Hameln wohl kaum erreicht. Die ausgelassene und übermütige Stimmung meiner Schülerinnen und Schüler, die vor Freude und Stolz über ihre vollbrachte Leistung noch immer in der Weser rumtoben, ist also vollkommen o.k. und berechtigt – egal, was manche Menschen von gestern darüber denken.


Aber jetzt wird’s trotzdem Zeit, diese Wasser-Fete zu beenden, ehe die Dunkelheit anbricht. Ich greife zur unüberhörbaren Trillerpfeife und brülle meine letzten Kommandos: „Alles raus! Boote und Gepäck auf die Zeltwiese! Lager aufbauen und dann unter die Dusche! Um 21 Uhr Treffpunkt in der Campingplatz-Kneipe. Ich geb’ einen aus.“  Zum letzten Mal flutscht alles wie geschmiert. Schade, dass das der alte Mann mit seinem Dackel nicht mehr mitbekommt, um sein voreiliges Urteil revidieren zu müssen.

Gedankliche Vorüberlegungen

Soweit, so gut, oder? Wer das bezweifelt, dem möchte ich noch kurz mein erlebnispädagogisches Rahmenkonzept für solcherlei Kanu-Projekte – wie oben im Live-Ausschnitt geschildert – vorstellen. Die Sinnhaftigkeit vom „Bootfahren als soziale Therapie“ für (keineswegs nur) schwierige Kinder und Jugendliche beruht auf folgendem gedanklichen Hintergrund: 

Eine wachsende Anzahl Kinder und Jugendlicher entwickelt sich mehr und mehr zu reduzierten Persönlichkeiten im körperlichen und psycho-sozialen Bereich.

 Passives Konsumieren hat aktives Tun weitgehend aus dem Alltagsleben von  Kindern und Jugendlichen verdrängt. Anstelle tatsächlich erlebter und gelebter Wirklichkeit – einer unmittelbaren Erfahrung – ist eine durch Medien transportierte Schein-Erfahrung getreten. 

Überkommene soziale Strukturen, in denen sich Kinder und Jugendliche anerkannt, sicher und geborgen fühlen können, gehen zusehends verloren.

Die Folgen sind körperliche und seelische Verarmung, Vereinsamung, Kommunikations- und Kontaktschwierigkeiten, physische, psychosomatische und psychische Störungen, sowie die Zunahme von Ersatzbefriedigungen aller Art, von aggressiven, gewalttätigen Verhaltensweisen, Anfälligkeit für rechtsradikale, rassistische Ideologien, Drogenkonsum und Jugendkriminalität.                                                                                                    
Diesen Tendenzen, die ihren Ursprung in einer fatalen Veränderung der Gesellschaft und der Lebensumstände von Kindern und Jugendlichen haben, in einem ganzheitlichen Bildungsansatz von Kopf, Herz und Hand entgegenzuwirken, ist mehr denn je Aufgabe von Erziehung, Schule und Jugendsozialarbeit – trotz der banalen Erkenntnis, dass Übel wirksam nur zu bekämpfen sind, wenn ihre Ursachen beseitigt werden.

Alle Einrichtungen, die mit Kinder- und Jugenderziehung beauftragt sind, müssen Gelegenheit bieten, Dinge zu tun und zu lernen, die der drohenden oder faktischen Persönlichkeitsverarmung junger Menschen Einhalt gebieten – ob im normalen, alltäglichen Schulunterricht, in besonderen Projekten oder Projektwochen, freiwilligen Nachmittagsprogrammen, mehrtägigen außerschulischen Veranstaltungen und nicht zuletzt im gesamten Spektrum der Kinder- und Jugendsozialarbeit. 

Mein Kanuprojekt „Bootfahren als soziale Therapie“ ist ein idealtypisches und anschauliches Beispiel für einen ganzheitlichen, fächerübergreifenden und handlungsorientierten Bildungsansatz und damit wegweisend für viele ähnliche Projekte.

Natürlich kann man einwenden: Was soll der ganze Aufwand mit dem Bootfahren? Jeden Tag ein paar Runden um den Fußballplatz und die Kinder in Sportvereine oder zur Freiwilligen Jugendfeuerwehr geschickt, tut’s doch eigentlich auch, oder? Klar, nur haben die Kinder und Jugendlichen, von denen hier die Rede ist, dazu meist „Null Bock“!  Man muss sich als Lehrer, Jugendtreff-Betreuer, Sozialarbeiter oder Heimerzieher schon was Spannenderes einfallen lassen, um die Kids vom Fernseher und PC wegzulocken. Bootfahren – noch dazu mit Sack und Pack über mehrere Tage auf einem interessanten Fluss – vermittelt einen Hauch von Selbstbestimmung, Freiheit und Abenteuer, bei dem selbst der Blödeste bald merkt, dass man ein solch tolles, echtes Erlebnis nicht durch das Rauchen einer Marlboro-Zigarette erkaufen kann. 

                                            Bootfahren live: Szene 2 – Weilburg an der Lahn

Soeben haben wir mit 13 schwer beladenen Booten in gespenstiger Dunkelheit den einzigen Schifffahrtstunnel Deutschlands durchfahren, der mitten unter der historischen Altstadt von Weilburg hindurchführt. Es ist ein schwül-warmer Sonntag Anfang Juni. Hochsommerlich gekleidete Besucher der schönsten Kleinstadt Hessens schauen interessiert unserem Treiben zu. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der Weilburger Tunnel in Rahmen der Schiffbarmachung der Lahn erbaut. An seinem unteren Ende befindet sich eine handbetriebene Doppelschleuse, die wir nun passieren müssen. Ich greife zur Trillerpfeife, um mir Gehör zu verschaffen: „Schleusen-Kommando aussteigen! Schleusentore öffnen!“ Vier Vorderleute aus vier Zweier-Kanadiern verlassen nacheinander über eine senkrecht in die Höhe führende, glitschige Eisenleiter den Schleusenkanal, um die Selbstbedienung der Anlage zu übernehmen. Eine langwierige und schweißtreibende Aufgabe: An den unteren Schleusentoren beide Schütze schließen, an den oberen alle öffnen, Schleusenkammer fluten, Schleusentore oben öffnen, Boote in Kammer einfahren lassen, Schleusentore und Schütze oben schließen und Schütze unten öffnen, Schleusenkammer entfluten, Schütze unten schließen und Schleusentore öffnen, Boote in Schleusenkammer 2 passieren lassen.., wo das gleiche Spiel von vorne beginnt.


Natürlich haben wir uns bei der intensiven Vorbereitung zu dieser mehrtägigen Kanufahrt der 8. Hauptschulklasse auf der Lahn mit der Funktionsweise und Bedienungsanleitung von Schleusenanlagen vertraut gemacht. Zur Veranschaulichung wurden im Arbeitslehre/Polytechnik-Unterricht Miniatur-Schleusen im Modell nachgebaut. Für jede der zahlreichen handbetriebenen, alten Schleusen der Lahn, die vom Wasserschifffahrtsamt extra für Wasserwanderer in Stand gehalten und gewartet werden, wird im Vorhinein das Bedienungskommando mit jeweils wechselnder Besetzung festgelegt, so dass jeder mal in den „Genuss“ dieser verantwortungsvollen Aufgabe kommt. Zum Erstaunen der zahlreichen Schaulustigen klappt das Schleusen wie am Schnürchen und 13 Boote legen nach einer halben Stunde mehr oder minder diszipliniert am gegenüberliegenden Lahnufer an. Hier befindet sich idyllisch am Stadtrand gelegen der rustikale Jugendzeltplatz von Weilburg mit Plumsklo, Kaltwasserhahn und Feuerstelle, wo wir unser Nachtlager aufschlagen werden.


Insgesamt 9 handbetriebene Schleusenanlagen auf der Lahn zwischen Wetzlar und Limburg werden von den Schülern selbst bedient (hier Schleuse Altenberg)


Eile ist angesagt. Etliche Schüler haben bemerkt, dass die drückende Schwüle zugenommen hat und bedrohliche Kumuluswolken in den noch blauen Himmel schießen. Ein Hitzegewitter kündigt sich an. In drei Trage-Teams von jeweils acht Schüler/innen werden die 13 Boote samt Zeltgepäck materialschonend aus dem Wasser gehoben und zur nahe gelegenen Zeltwiese geschleppt. Alle schwitzen und fluchen. Brennnesseln und Stechmücken nerven. Zwei Schlaumeier versuchen, sich klammheimlich auf dem Toilettenhäuschen zu „verpissen“. Sie werden von ihren Teammitgliedern sofort zurückgepfiffen. Vor dieser notwendigen Arbeit darf sich keiner drücken, die jeden Morgen und Abend eines langen Paddeltages nur in bester Gemeinschaft zu bewältigen ist. Zügig werden 13 kleine Iglu-Zelte im Kreis aufgebaut und mit zusätzlichen Plastikplanen gegen Wassereinbruch bei Gewitter abgedeckt. 


In der Lagermitte werden vom Kanuanhänger entladene Bänke und Tische aufgestellt und mit einem großen Regen-Tarp überspannt. Mittlerweile ist die Abendsonne hinter einer pechschwarzen Wolkenwand verschwunden. Wind kommt auf, der zur allgemeinen Verwunderung in Richtung des nahenden Gewitters weht. Gleich geht’s los! Schnell gebe ich die letzten Anweisungen: „Alle Ausrüstung in die Zelte. Regenplanen mit Paddeln und Essenstonnen beschweren, damit sie nicht fortfliegen. Regenklamotten und Gummistiefel anziehen. Taschenlampen einstecken. Die Kanus umdrehen und mit den Bootsleinen zusammenbinden. Kanuanhänger 150 m vom Lager wegziehen.“ Einige Schüler fangen an zu motzen: „Was soll der ganze Quatsch? Machen Sie mal keine Hektik. Der Wind bläst doch genau in die richtige Richtung. Das Gewitter zieht weg.“ „Denkste!“ Zu weiteren Erklärungen bleibt mir keine Zeit mehr: „Schnell, der Hänger muss noch weg!“ Widerwillig fassen einige an. „Der Kassel spinnt mal wieder!“ höre ich sie kommentieren. Im Moment habe ich keine Zeit, auf die Meinungsäußerungen meiner Schüler/innen einzugehen, aber wenn der ganze Spuk vorbei ist, habe ich wieder mal einen prima Anlass für Open-Air-Unterricht zum Thema „Sozialverhalten“ und „Wetterkunde“. Doch nun haben wir alle Hände voll zu tun. Die Gewitterwalze donnert mit kräftigen Windböen und Hagelschauern ins gut vorbereitete Zeltlager. Die Abstände zwischen dem grellen Zucken der Blitze und dem nachfolgenden Donner, der im engen Talkessel infernalisch widerhallt, werden schnell kürzer, bis das Gewitter genau über uns steht. Eine spannende Sache für alle, haben doch die meisten Kids der H8b ein solches Naturschauspiel noch nie unter freiem Himmel erlebt.

Nach schlafloser Nacht lacht am Morgen wieder die Sonne. Im Dampf der von der wieder wärmenden Sonne aufgefressenen Nässe räumen wir das ziemlich verwüstete Lager auf. Einige Paddel-Teams melden leichte Verluste – nicht an Mensch, nur Material. Macht nichts, ein bisschen Schwund hat man auf jeder Tour. Nach gemeinschaftlichem Frühstück mit frischen Brötchen gibt’s eine Stunde Unterricht. Zu diesem Zweck befinden sich in einer Alu-Kiste in meinem Boot stets griffbereit 30 Unterrichtsmappen, die ich für mein Kanu-Projekt selbst zusammengestellt habe. Die einzelnen Seiten sind wasserdicht eingeschweißt und haltbar gebunden, so dass Open-Air-Unterricht an jedem Ort und bei jedem Wetter stattfinden kann.


Projektbezogener Theorieunterricht findet auch unterwegs und bei jedem Wetter statt - mit Hilfe wasserdicht verschweißter Arbeitsmappen


Anschließend starten wir zur Stadtbesichtigung und notwendigen Lebensmitteleinkäufen. Neben „Survival“-Training soll auf meinen Kanutouren auch das Kulturprogramm nicht vernachlässigt werden. Aus diesem Grund habe ich in Lahnstädten von kulturhistorischem Interesse wie Weilburg, Runkel und Limburg mit den örtlichen Fremdenverkehrsämtern Führungen vereinbart.

Nachmittags um 14 Uhr starten wir in Weilburg zur nächsten, nur recht kurzen Paddeletappe zum Campingplatz nach Gräveneck. Für diese 7,3 Kilometer habe ich mir eine besondere „Gemeinheit“ ausgedacht. Die Schüler/innen müssen allen unverrottbaren Plastikmüll aus dem Ufergebüsch einsammeln, der vom Boot aus zu erreichen ist. Damit mache ich mich zwar nicht sonderlich beliebt, habe aber erstklassiges Anschauungsmaterial für die abendliche Unterrichtseinheit „Umweltverschmutzung“. Übrigens: Der neue Lahnflussführer von Martin Schulze eignet sich auch bestens als Kanuprojekt- und Unterrichtsbuch für Schüler.
 


Startklar zur nächsten Etappe auf der Lahn


                              Zurück zur (grauen?) Theorie:  Lernrelevante Aspekte des Bootsfahrens

Um das Bootfahren herum lassen sich eine ganze Menge handlungsorientierte Dinge lernen. Ich unterscheide hier zwischen notwendigem Wissen, was sich jeder zwingend aneignen muss, der mit auf Kanutour gehen will, und „Luxuswissen“, was sich besonders Interessierte zusätzlich vor, während und nach einer Kanutour je nach Zeit, Lust und Laune aneignen können. Im folgenden zur Veranschaulichung eine kurze, aber umfassende und systematische Auflistung aller lernrelevanten Aspekte meines Kanuprojekts:


a. Geschichtlicher Aspekt – Erfindung und Entwicklung des Kanubaus – Indianerkanu/Eskimokajak – Verwendung des Kanus früher und heute.

b. Technischer Aspekt – Kanubau früher und heute – Verwendete Materialien – Bootsformen für verschiedene Verwendungen – Paddeltypen und Paddelbauverfahren.

c. Freizeit-Aspekt – Was man heute mit einem Kanu anfangen und erleben kann – Der Kanusport – Kanu-Vereine – Kanu-Zeitschriften – Kanu-Reisen.
 


a. Geografischer Aspekt – Wie entsteht ein Fluss ? – Wie fließt ein Fluss ? (Flussmorphologie) – Fließregeln in Flussbiegungen (Stromlinien, Prall- und Gleithang, Kiesbankbildung, Strömungsbilder an der Prallwand) – Fließregeln des Gefälles (Geschiebe und Schleppkraft, Kolkbildung) – Landschaftsformung durch den Fluss (Täler, Schluchten, Canyons, Klammen) – Typische Wildflussformen (Kiesbankschwall, Felsbett) – Eigenschaften der Felsarten (Konglomerat, Sand- oder Tonsteine, Kalkstein) – Flussverbauungen – Kanalisierung – Schiffbarmachung – Wehre, Schleusensysteme – Hochwasser: Entstehung und Folgen.

b. Geschichtlicher Aspekt – Besiedlungsgeschichte eines Flusstales – Entstehung und Nutzung von Furten, Städtebildung (z.B. Frankfurt, Schweinfurt) – Der Fluss als Transportmittel (Flößerei, Schlepper) – Geschichte der Flussschifffahrt.

c. Ökologischer Aspekt – Lebewesen und Pflanzen im und am Fluss – Flussverschmutzung, Verursacher und Folgen – Bau- und Funktionsweise von Kläranlagen – Flussauen und ihre Trockenlegung – Renaturierung von zerstörten Flussläufen.

3. MIT DEM KANU AUF DEM FLUSS 

a. Sportlicher Aspekt – Fortbewegen eines Kanus (Paddeltechniken) – Steuern eines Kanus – Transportieren eines Kanus – Beladen und Entladen eines Kanu-Anhängers – Kenterübungen, Rettungsmaßnahmen.

b. Logistischer Aspekt – Wie plant und organisiert man eine Kanu-Tour ? – Welches Touren-Gepäck braucht man ? – Wie wird das Gepäck verpackt und im Kanu verstaut ? – Orientierung auf dem Fluss – Studieren von Flussführern und Flusskarten – Verkehrszeichen der Wasserschifffahrtordnung – Planung der Tagesetappen, Zeiteinteilung, Übernachtungsplätze, Campingplatz-Reservierungen – Ernährung, Einkaufsmöglichkeiten, Nahrungszubereitung auf Campingkochern – Gesundheitsvorsorge – Erste-Hilfe-Kurs – Erste-Hilfe-Ausrüstung.


MIT EINER GROSSEN JUGENDGRUPPE IN 20 KANUS 8 TAGE MIT ZELTGEPÄCK EINEN FLUSS ZU BEFAHREN, SCHAFFT JEDE MENGE LERNSITUATIONEN - SETZT ABER AUCH TEAMGEIST UND DISZIPLIN VORAUS 


Sozialer Aspekt – Verhaltensregeln auf dem Fluss: Gegenüber der Umwelt, den eigenen Gruppenmitgliedern und anderen Flusswanderern – Team-Bildung, Team-Arbeit, Hilfsbereitschaft – Bewältigung von Stress- und Konfliktsituationen – Sicherheitsmaßnahmen.

d. Witterungsaspekte – Wetterbeobachtung, Wetterkennzeichnung, Wetteränderungen – Verhalten bei Sonne, Regen, Nässe, Kälte, Wind und Gewitter – Wetterfeste Ausrüstung.

e. Touristischer Aspekt – Sehenswürdigkeiten am Fluss – Ausflüge, Besichtigungen.

f. Finanzieller Aspekt – Was kostet eine mehrtägige Kanu-Tour auf einem konkreten Fluss (z.B. Lahn) ? – Kosten einer evtl. benötigten Kanu-Leihausrüstung.

g. Organisatorischer Aspekt – Elterninformation, Kanu-Miete, An- und Abreise, Genehmigungsanträge usw.


Auch das sich Treiben lassen gehört zum Konzept der Kanuprojekte


                                            Bootfahren live: Szene 3 – Nicht alltäglicher Unterricht

Heute ist Kanu-Projekttag in meiner 5. Hauptschulklasse, vier Unterrichtsstunden am Stück. Die Schulleitung hat bei der Gestaltung des Stundenplans meinem diesbezüglichen Wunsch entsprochen. Offiziell habe ich am Dienstag in der Klasse H5b in den ersten vier Stunden die Fächer Sozialkunde, Erdkunde und eine Doppelstunde Kunst, inoffiziell läuft Unterricht zum Kanuprojekt. Heutiger Themenschwerpunkt: 2. Der Fluss, a. Geografischer Aspekt – Landschaftsformung durch den Fluss – Täler, Schluchten, Canyons, Klammen. Handlungsorientierung: Kanu-Touren führen  durch Landschaften, die der Fluss mitgestaltet hat. Der geschulte Bootsfahrer hat gelernt, in der Entstehungsgeschichte eines Flusstales zu „lesen“. Gegenständliche Aneignung – praktisches Tun: Nachbau von Flusslandschaften in zwei fahrbaren Modellsandkästen. Eingesetzte Medien zur Veranschaulichung und Steigerung des Interesses: 1. Filmausschnitt aus dem Abenteuer- und Actionfilm „Am wilden Fluss“ (Atemberaubende und gefährliche Erst-Befahrung eines spektakulären Canyons im Rafting-Schlauchboot). 2. 50 Farbdias über Kanufahrten durch bekannte Schluchten und Canyons in Europa (Klaus-Schlucht/Salza, Canyon du Verdon, Canyon du Ardèche, Gorges du Tarn). 3. Info-Texte aus Kanuprojekt-Reader zum Thema „So entsteht ein Canyon“.

Heute haben wir Besuch von Lehrern anderer Schulen an der „Europaschule“ Freigericht, die seit Jahren finanzielle Sonderzuwendungen für neue Unterrichtsformen erhält. Auch mein erlebnispädagogisches Kanuprojekt für Problemklassen im Hauptschulbereich wurde durch EU-Mittel unterstützt, so dass ich in den letzten Jahren eine schuleigene Kanu-Flotte aufbauen konnte. Doch wer nimmt, muss auch geben, sagt mein Schulleiter und hat mir prompt fünf Kollegen zum heutigen Projekttag geschickt, die gespannt sind auf meinen erlebnispädagogischen, handlungsorientierten, beispielhaften Unterricht. Wie meist bei solchen Anlässen, wo man sich zur Schau stellen muss, klappt zwar wenig, aber für alle wird’s zum unvergesslichen Erlebnis. Besonders viel Spaß haben meine schadenfrohen Lehrerkollegen, als nach ausgiebiger und lustvoller Rumplanscherei der Fünftklässler einer der Modellsandkästen unter dem Druck von zuviel hineingekipptem Wasser plötzlich zusammenkracht und sich sein schlammiger Inhalt in den Klassenraum ergießt. Geistesgegenwärtig tue ich einfach so, als gehöre diese peinliche Panne mit zu meiner didaktisch-methodischen Planung dieses ausufernden Projekttages und beende die Übung mit dem markigen Schlusswort: „So, jetzt haben wir zum Abschluss  noch ein wunderschönes und anschauliches Beispiel, mit welch ungeheurer Kraft das Element Wasser nicht nur Landschaften formen, sondern auch stabile Sandkästen zertrümmern und saubere Klassenräume verwüsten kann. Einen schönen Tag noch allerseits.“ Entnervt nehme ich meine nasse Schultasche und gehe heim.

Nachmittags komme ich noch mal zurück und bringe den Putzfrauen eine Flasche hochprozentigen „Beruhigungstrunk“ vorbei. Meine Kanuprojekttage sind immer mal wieder ein echtes Erlebnis und gehen nur selten spurlos an der Schule vorbei, wie auch das nächste Beispiel anschaulich zeigt.

Szenenwechsel:

Kanu-Projekttag in der Klasse R9e. Programm: Anfertigen einfacher Gerichte auf Spiritus-Sturmkochern. Hierfür nutze ich das vier Wochenstunden erteilte Unterrichtsfach Arbeitslehre, dessen Lehrplan auch Ernährungslehre und Kochen vorsieht. Meine speziell für diesen Hauswirtschaftsbereich zuständige Kollegin ist bisher an der Unlust und Disziplinlosigkeit der R9e schier verzweifelt. Also werde ich diese Sache mit dem Kochen mal erlebnispädagogisch in Angriff nehmen.


Bei Kanutouren bilden meine Schüler/innen eingespielte Zweier-Teams, die sich ein Boot, ein Zelt, einen Camping-Kocher und pro Tag 30 DM Essensgeld teilen müssen. Zum Überleben vorteilhaft sind daher Kenntnisse und Fertigkeiten, wie man Konservendosen öffnet und deren Inhalt erhitzt. Alles, was darüber hinausgeht, gehört zum oben erwähnten „Luxuswissen“, das wir uns heute aneignen wollen. Aus Spendengeldern habe ich 15 schwedische „Trangia“-Sturmkocher angeschafft, die sich als sicher und praktisch erwiesen haben.


Sie bestehen aus jeweils einem einfachen Spiritus-Brenner, einem kippstabilen Windschutz, in den 2 unterschiedlich große Töpfe, ein Teekessel und eine Bratpfanne je nach Bedarf eingehängt werden können. Diese solide „Schwedenküche“ aus Aluminium lässt sich ineinandergeschachtelt mit einem Riemen genial klein für den Bootstransport verpacken. Hiermit müssen die Teams sachgerecht umgehen und genießbare, warme Mahlzeiten produzieren können. Die Verwendung von Konservendosen, Fertiggerichten und 5-Minuten-Terrinen sind bei der heutigen Übung untersagt.


Die Schüler/innen sind mit Begeisterung bei der Sache: Sie schälen zum ersten Mal in ihrem Leben Kartoffeln, entdecken, dass man Nudeln erst ins Wasser kippen darf, wenn’s kocht, brutzeln sauscharfe Frikadellen aus unterschiedlichsten Materialien, verstopfen alle Waschbeckenabschlüsse, die sie dann fachmännisch wieder in Gang setzen müssen,  und verwandeln den Werkraum zügig in ein kreatives Chaos. Ich selbst fungiere als Testesser und Notenverteiler.

Der Projekttag verläuft erstaunlich reibungslos und harmonisch, bis plötzlich der Hausmeister die Tür aufreißt und im Auftrag des Schulleiters fürchterlich aufgeregt nach einem vermuteten Brandherd sucht. Im Eifer des Gefechts habe ich leider übersehen, dass unüberriechbare Rauchschwaden aus einem üblen Gemisch von Brennspiritus, angebranntem Fett und überhitztem Olivenöl durch das Schulgebäude ziehen. Beinahe hätte mein erschrockener Chef für alle 2500 Schüler/innen der Kopernikusschule Freigericht Feueralarm ausgelöst. Das wär’ erst mal ein Spaß geworden!

Den nächsten Projekttag, auf dem Rezepte aus einem „Survival“-Kochbuch mit Würmern, Raupen, Schnecken und nahrhaften Brennnessel-Sprösslingen a là Rüdiger Nehberg auf dem Programm stehen, muss ich auf dringendes Anraten meines Schulleiters im Freien veranstalten. Nun gut, bei der Gestaltung solch erlebnispädagogischer Veranstaltungen im System Schule muss man flexibel sein. Die Woche drauf kochen wir auf der Schulwiese. Da finden wir auch leichter Würmer. Die Kids haben ohne Aufforderung praktische Stechspaten mitgebracht. Das nenne ich Mitdenken ! Fragt sich nur noch, was der Biologie-Lehrer darüber denkt, der hier mit seiner Klasse im Rahmen eines erlebnispädagogischen Projekts ein Feuchtbiotop angelegt hat.


                             Handlungsorientierung – gegenständliche Aneignung –praktisches Tun

Sinn und Zweck eines erlebnispädagogischen Projekts für lern- und verhaltensgestörte Kinder und Jugendliche muss die Schwerpunktverlagerung von der theoretischen zur gegenständlichen – sprich praktisch-anschaulichen – Aneignung von Umwelt und Wirklichkeit sein. Beim hier skizzierten Kanuprojekt ergeben sich folgende Möglichkeiten praktisch-anschaulichen Tuns:

-          Ein einfaches Holz-Kanu nach Bauplan selbst bauen.

Nicht nur aus finanziellen, sondern vor allem aus pädagogischen Gründen ist es sinnvoll, mit älteren Schülern Kanus selbst zu bauen. An der Kopernikusschule Freigericht bildeten 4 Eigenbauten den Anfang der schuleigenen Kanuflotte


Nach einem selbst entworfenen Bauplan wurden an der Kopernikusschule Freigericht Kanus in Knickspantbauweise aus Sperrholz hergestellt. Sie haben sich als funktional und langlebig erwiesen


-          Die Besichtigung einer Bootswerft oder Kanu-Fabrik.

-          Kanufahren üben am See und im fließenden Gewässer.

-          Paddel- und Steuerschläge einstudieren, Kenterübungen, Retten und Bergen.

-          Gebrauch und Nutzen einer Schwimmweste bei Schwimmübungen kennenlernen.

-          Tages- und Mehrtagestouren mit dem Kanu planen und durchführen.


ZELTPLATZ IN RUNKEL AN DER LAHN


-          Zelte auf- und abbauen, vorbildliches Zeltlager errichten.

-          Lagerfeuerstelle einrichten und Feuer in Gang halten.


Ein Feuer für eine Kochstelle anzünden gehört zu den Aufgaben der Schüler beim Lagerleben  


- Kochen, Backen und Braten von Mahlzeiten am Feuer und auf Camping-Kochern.

- Spielen am Bach: Wasserläufe verändern, Dämme bauen usw.

-  Nachbau von Flusstälern, Flussläufen, Flusslandschaften im Modellsandkasten.

- Eine Schleusenanlage im Modell nachbauen.

Durchführung einfacher Tests zur Wasserverschmutzung und Wasserreinigung.

- Besichtigung einer Kläranlage.

- Übernahme einer heimatnahen Gewässer-Patenschaft mit Müllentfernung usw.

Praktisch-anschauliches Lernen für einen konkreten Verwendungszusammenhang macht nicht nur Kindern, sondern auch jedem Erwachsenen weitaus mehr Spaß als stures Pauken. Schade, das diese einfache Erkenntnis in vielen öffentlichen Lern- und Erziehungseinrichtungen immer wieder vergessen wird.  

Bootfahren live: Szene 4 – Zum Rapport beim Schulleiter

Im Vorbereitungsraum des Faches „Arbeitslehre“ klingelt das Telefon: „Kassel sofort zum Chef !“ Hm, solche Aufforderungen der Chefsekretärin versprechen gewöhnlich nichts Gutes. Auf dem Weg aus dem Kanu-Keller in die oberen Gefilde überlege ich krampfhaft, gegen welche Erlasse und Regeln der Schulordnung ich mal wieder verstoßen haben könnte und entwickle blitzschnell verbale Verteidigungsstrategien. Darin bekommt man als Erlebnispädagoge mit der Zeit Übung. Im Sekretariat kommt mir der Schulleiter schon mit irgendeinem Schriftstück entgegen: „Hier, ein Elternbrief an die Schulleitung. Lesen Sie !“ Verdammt, mir schwant Übles.

Ich sinke auf den leeren Stuhl der Chefsekretärin, die sich schon mal aus dem Staub gemacht hat, und beginne den Bericht eines Vaters an Presse und Schulaufsichtsbehörde zu lesen, dessen Sohn an zwei Kanuprojekten von mir teilnahm und der selbst einige Tage mitfuhr und kritischer Zeuge und Beobachter einer solchen Veranstaltung wurde:

                                                                    
Mit 40 auf Klassenfahrt.........
                                                       (oder: Späte Einsichten in neuen Unterricht)

Vor über 20 Jahren war ich das letzte Mal auf „Klassenfahrt“ – ich erinnere mich noch sehr genau, natürlich nur an das Gute, denn die „Schattenseiten“ der Schulzeit, sicher von jedem anders erlebt und wahrgenommen, die habe ich verdrängt. Wohl die Neugier war’s, gepaart mit einem Schuss Nostalgie, die mich dazu brachte, nunmehr als Vater gemeinsam mit der Klasse meines Sohnes auf Klassenfahrt zu gehen.

Die R9e der Kopernikusschule Freigericht, ihres Zeichens „Europaschule“, war vom 28. Juni bis 5. Juli auf der Lahn mit schuleigenen Kanus unterwegs. Nichts besonderes, so könnte man meinen. Eben eine Fahrt, so wie sie andere tausendfach schon erlebt haben: Paddeln, zelten, das ganze „Programm“. Denkste !

Kanufahren auf der Lahn, das ist für Gerd Kassel, den Klassenlehrer, mehr als „just for fun“. Keine Klassenfahrt, sondern ein Unterrichtsprojekt, so vielseitig wie Schule sonst kaum sein kann, mindestens aber so lehrreich wie Unterricht in den verschiedensten Disziplinen, nur spannender, interessanter oder, wie die Kids zu sagen pflegen: Geiler !


Zwischen Wetzlar und Lahnstein wurde eine Landschaft erkundet, im wahrsten Sinne des Wortes, wurden Biologie, Geschichte, Sozialkunde und Deutsch vereint – und das alles, ohne dass der Spaß zu kurz kommen musste.

Und dazu gehörten auch nasse Zelte, einige Stunden (immer wieder mal) Dauerregen, die Erfahrung, kein „Hotel Mama“ zu haben, sondern das Essen selbst auf einem kleinen Kocher mit anderen zuzubereiten, zuvor geplant einzukaufen und das Gefühl zu bekommen, dass nichts alleine, aber vieles gemeinsam gelingen kann, spätestens dann, wenn die 10 Boote mit Gepäck beladen ins Wasser rein oder aus diesem herausgeholt werden mussten.


Szenenwechsel: Abends auf einem Campingplatz in Gräveneck, direkt an der Lahn gelegen. Es hat aufgehört zu regnen, die Zelte stehen, die Klamotten hängen zum Trocknen über Stangen, einige sitzen am Feuer, es ist nach 20 Uhr. Zufällig kommt ein „Einheimischer“ vorbei, einer, der die Lahn kennt, mit ihr lebt und in ihr fischt. Ruckzuck wird daraus eine Unterrichtseinheit und anschaulich durch die Einlassungen eines „Besuchers“ das verstärkt, was am Mittag bei strömendem Regen auf einer Kiesbank am Flussufer durch „den Kassel“ angefangen hatte: Flussmorphologie, nebst Biounterricht und Einsichten in eine geschützte Landschaft. Und dass solcher Unterricht gut ankommt, das zeigt sich an der Aufmerksamkeit, mit der zugehört und nachgefragt wird, trotz eines anstrengenden Paddeltages. Man merke: Das alles nach 20 Uhr abends.

Kein Einzelfall während der Tour, wie ich noch an vielen Stellen bemerken konnte. Unterricht und sportliche Betätigung, sich und andere erfahren, Konflikte bewältigen und sich Aufgaben stellen – all das habe ich mit Erstaunen miterlebt – es hat geklappt.

Dass solcherlei Engagement eines Klassenlehrers ansteckend sein muss, wurde dadurch deutlich, dass sich drei weitere Väter mit auf diese Tour begaben und mit erheblichem, persönlichem Einsatz bei der Sache waren und andere Eltern bei der Vorbereitung der Tour auf unterschiedlichste Weise mitwirkten. Die vielzitierte „Schulgemeinde“, hier meine Damen und Herren von den Schulaufsichtsbehörden, ist sie ! 

Nach knapp 130 Flusskilometern endete die Tour in Lahnstein an der Rheinmündung. Acht
„Paddeltage“ mit täglich mindestens einer Unterrichtseinheit und sieben kurzlange Zeltnächte auf immer wechselnden Zeltplätzen lagen hinter den Jugendlichen und den Begleitpersonen. Acht Tage, in denen sich jeder neu und anders erfahren konnte, in denen sich auch eine Klasse neu und anders erfahren musste, acht Tage Erlebnis mit Kopf, Herz und Hand.


In diesen acht Tagen wurden Dinge trainiert, die sonst kein Schulalltag ermöglichen kann, die mindestens aber genau so wichtig sind wie das Basiswissen in Mathematik oder Deutsch. Teamfähigkeit war eines dieser wesentlichen Elemente, die später in der Berufsausbildung und im Berufsleben wichtig sind. Dass die Schülerinnen und Schüler der R9e ein Team sind, das wurde zum Ende der Fahrt deutlich.

Und ich wünschte mir, dass ich auch mal eine solche Klassenfahrt als Schüler hätte machen dürfen. Aber was rede ich da – ich war doch dabei und zum Lernen ist man ja nie zu alt – oder ? Ich hab’ dazugelernt.

Na, es gibt ja auch noch nette Briefe von Eltern, atme ich erleichtert auf. Der ungeduldige und sich stets in Eile befindende Schulleiter unterbricht mein nachdenkliches Schweigen: „Auch wenn Sie ständig gegen die Schulregeln verstoßen und Unruhe in den Laden bringen, findet wenigstens ihre bisweilen chaotische Erlebnispädagogik bei der Elternschaft unserer Schüler Anerkennung und Akzeptanz.“ Wieder mutig geworden entgegne ich gelassen: „Haben Sie das etwa jemals bezweifelt?“ Wortlos zieht mein Chef von dannen. Macht nichts, solange er mir nicht die Durchführung meiner Kanuprojekte untersagt, was nach Erlass-Lage durchaus möglich wäre.
 


Gerd Kassel mit den polnischen Teilnehmern des Kanuprojekts 2002 auf der Lahn


Gemeinsames Abschlussessen mit den Schülern aus Polen


Das Ziel des Kanuprojekts 2002 ist erreicht - nicht nur die Mündung der Lahn in den Rhein, sondern auch ein wenig Völkerverständigung


                                                                         Nachwort

Nicht auszuschließen ist es natürlich, dass Pädagogen, die ohne Ende solche erlebnispädagogischen Projekte wie das hier von mir vorgestellte „Bootfahren als soziale Therapie“ organisieren, selbst irgendwann mal therapiebedürftig werden. Aber das macht nichts, dafür gibt es ja unsere hervorragend ausgebildeten Schulpsychologen, die dann für „durchgeknallte“ Lehrer in den Sommerferien Fortbildungsveranstaltungen mit dem handlungsorientierten Schwerpunkt „Bootfahren als soziale Therapie für pädagogische Härtefälle“ organisieren könnten – natürlich unter erschwerten Bedingungen wie z.B. auf den Wildflüssen Alaskas. Das wär’s doch, oder ? 

Autor Gerd Kassel arbeitet als Haupt- und Realschullehrer seit mehr als 20 Jahren an der Kopernikusschule Freigericht, einer additiven Gesamtschule mit ca. 2500 Schüler/innen, deren pädagogische Innovationen in besonderer Weise finanziell unterstützt und gefördert werden. Dort wird er überwiegend in sogenannten Problem-Klassen eingesetzt, mit denen er seit Jahren mehrmals im Jahr erfolgreich auf mehrtägige Kanu-Gepäcktouren geht. Zu diesem Zweck hat er eine schuleigene, mobile Kanuflotte aufgebaut. Nebenbei schreibt er Kanubücher über die schönsten Gewässer Europas und Zeitschriften-Artikel für Kanu- und Outdoor-Magazine.
 

INFO - MEHRTAGESTOURENVORSCHLÄGE FÜR SCHULKLASSEN/JUGENDGRUPPEN AUF  DEN SCHÖNSTEN WANDERLÜSSEN LAHN, SOWIE FULDA UND WESER              
            

                               Gerd Kassels zwei Standard-Touren für Anfänger und Fortgeschrittene

                   Kanu-Gepäcktour für Anfänger auf der LAHN von Wetzlar bis Lahnstein (124,8 km)

1. Tag – 10,5 km

Von Wetzlar, Parkplatz „Bachweide“ (km 12,5) bis Jugendzeltlager „Im Schooleck“/Solms (km 23). Anmeldung erforderlich bei "Lahntours", Tel.: 06442/922527 . Diese kurze Etappe dient dem Einpaddeln und Kennenlernen der handbetriebenen Schleusenanlagen. Auf Zeltplatz Lagerfeuer möglich. Evtl. Fußwanderung zum altertümlichen Städtchen Braunfels mit Schlossbesichtigung (hin- und zurück ca. 8km).

. Tag – 18,3 km

Von „Schooleck“ (km 23) bis Weilburg (km 41,3). Übernachtung auf Jugendzeltplatz „Hauseley“. Anmeldung erforderlich unter Tel.: 06471/31467. Lagerfeuer möglich. Hübscher Weg entlang der Lahn zur Stadtbesichtigung und Einkauf.

3. Tag – 7,3 km

Von Weilburg (km 41,3) bis Gräveneck (km 48,6). Übernachtung auf Campingplatz Gräveneck, Tel.: 06471/490320. Kurze Etappe, da vormittags Stadtbesichtigung von Weilburg und Lebensmitteleinkäufe. Nachmittags auf Kurzetappe evtl. Besuch des kleinen Schwimmbads in Odersbach (km 44). 

4. Tag – 17,4 km

Von Gräveneck (km 48,6) bis Runkel (km 66). Übernachtung auf „Lahntours“-Campingplatz, Tel.: 06482/ 911022. Besichtigung der Burg mit Führung. Direkt hinter Campingplatz Supermarkt.

5. Tag – 9,8 km

Von Runkel (km 66) bis Limburg (km 75,8). Übernachtung auf städtischem Campingplatz, Tel: 06431/22610.
Nachmittags Stadtbesichtung von Altstadt und Dom. Direkt am Campingplatz großes Schwimmbad.

6. Tag – 24,8 km

Von Limburg (km 75,8) bis Rupbach (km 100,6). „Königsetappe“, 6-7 Stunden, mit Zwischenstopp und Einkauf in Diez (km 83,8). Übernachtung auf dem landschaftlich sehr schön und ruhig gelegenen Campingplatz des ehemaligen ESV Lahnstein, Verwaltung: Tel.: 06439/1650. Voranmeldung notwendig. Lagerfeuer möglich.

7. Tag – 20,3 km

Von Rupbach (km 100,6) bis Dausenau (km 120,9). Zwischenstopps mit Einkaufsmöglichkeiten in Obernhof (km 110) und Nassau (km 116,6). Übernachtung auf Campingplatz Dausenau (02603/13964).


8. Tag – 16,4 km

Von Dausenau (km 120,9) bis zur Lahnmündung in den Rhein (km 137,3). Direkt am Rhein guter Ausstieg mit Wiese zum Sortieren der Ausrüstung und Reinigen der Boote. Ca. 150 m dahinter Straßenzufahrt zum Verladen der Schüler und der Bootsausrüstung. Zufahrt und Wendemöglichkeit auch für Reisebusse.

 
                  Kanu-Gepäcktour auf FULDA und WESER von Rotenburg bis Hameln (232,5 km)

1. Tag – Anreise

Anreise und Übernachtung auf dem Campingplatz Rotenburg (06623/5556). Hier auch Kanu-Verleih (Infos beim Platzwart). Vorbereitung der Gepäcktour und auf dem Rückstau des Rotenburger Wehrs Paddelschulung für Ungeübte. Stadtbummel durch das hübsche Fachwerkstädtchen.

2. Tag – 21,8 km

Von Rotenburg (km 11,5) bis Malsfeld-Beiseförth (km 33,3). Übernachtung auf dem Campingplatz Beiseförth (05664/1354) mit Badesee und Gaststätte. Lagerfeuer möglich.

3. Tag – 24,7 km

Von Beiseförth (km 33,3) bis Büchenwerra (km 58). In der sehenswerten Fachwerkstadt Melsungen (km 42) Zwischenstopp mit Stadtbummel und Einkauf. Übernachtung auf dem Campingplatz in Büchenwerra (05665/2771) mit Gaststätte. Lagerfeuer möglich.

4. Tag – 19,5 km

Von Büchenwerra (km 58) bis Kassel (km 77,5). Übernachtung auf dem städtischen Campingplatz (0561/22433). Fußweg in die Innenstadt sehr weit.

5. Tag – 31,2 km

Von Kassel (km 77,5) bis Hann. Münden (km 108,7). Anstrengende Etappe auf weitgehend stehendem Wasser mit 3 Stauanlagen. Übernachtung auf dem Campingplatz „Oberer Tanzwerder“ (05541/12257). Altstadt-Bummel.

6. Tag – 51,7 km

Weiterfahrt auf der Weser von Hann. Münden (km 0) bis Bootshaus Beverungen (km 51,7). „Königsetappe“, aber auch mit Schulklassen gut machbar, da die Weser bis 10 km vor Hameln ungebremst fließt. Übernachtung am Bootshaus des WSV Beverungen mit Gaststätte. Voranmeldung erforderlich (05273/5335). Lagerfeuer möglich.

7. Tag – 40,3 km

Von Beverungen (km 51,7) bis Polle (km 92). Übernachtung auf dem Campingplatz Polle mit Gaststätte (05535/245). Einkaufsmöglichkeit und Feuerplatz.

8. Tag – 43,8 km

Von Polle (km 92) bis Hameln (km 135,8). Ende der Tour. Ausstieg und Übernachtung auf dem Campingplatz „Fährhaus a. d. Weser“ mit griechischer Gaststätte und gemeinsamem Abschluss-Essen. (05151/61167).
  


 
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