
Will man ungewöhnliche Unterrichtsprojekte realisieren, benötigt man die Zustimmung und Wertschätzung von Schülern, Eltern, Kollegen, Schulleitung und Schulaufsichtsbehörde. Das kostet viel Mühe und Überzeugungsarbeit im schulischen Umfeld und der Öffentlichkeit. Sehr nützlich ist es, die Medien für sich und sein Projekt zu gewinnen. Sie machen und verbreiten öffentliche Meinung und die meisten Menschen sind mediengläubig. Die Lehrerschaft weiß davon ein Lied zu singen. Unser Berufsstand wurde in den letzten Jahren besonders in den Medien „niedergemacht“, so dass wir heute als „faul“ und „unfähig“ in der Öffentlichkeit dastehen.
Trotzdem ist es mir gelungen, wiederholt sowohl die überregionale als auch lokale Presse und Fachzeitschriften für meine Kanuprojekte an der Kopernikusschule Freigericht zu interessieren. Örtliche Zeitungsreporter/innen haben sich immer wieder die Mühe gemacht, sich „vor Ort“ ausführlich zu informieren und meinungsbildende Reportagen zu veröffentlichen, die mir bei der Umsetzung meines Projekt-Konzepts und bei der Sponsorensuche sehr geholfen haben. Daher gehören sie als Leser-„Infobausteine“ in punkto effektive „Öffentlichkeitsarbeit“ in diese Website. Daher folgen jetzt drei jeweils ganzseitig gedruckte Zeitungsberichte (im Original mit illustrierenden Buntbildern) und kürzere Meldungen aus den Anfängen meines Projekts bis in jüngere Zeit:
Schulfeste, Schulprojektwochen und ähnliche Gelegenheiten werden genutzt, um der schulischen Öffentlichkeit das Kanuprojekt samt Equipment auf der Schulwiese anschaulich vorzustellen
Hier auf der Schulwiese wird ein komplettes Kanu-Biwak aufgebaut und auch eine Nacht in Zelten gepennt. Wie überall kommt auch hier der Spaß nicht zu kurz und Kajaks werden kurzerhand in Schlammrodel umfunktioniert
Lagerfeuer auf der Schulwiese mit Stockbrot backen. Normal, oder?
GELNHÄUSER NEUE ZEITUNG – 20. Mai 1995
Wer Gerd Kassels Anweisungen nicht folgt, hat nur wenig Chancen zu überleben
Klasse H9b der Kopernikusschule Freigericht mit dem Kanu auf der Lahn
Gerd Kassel ist ein Mann der direkten Worte. „Zum Kotzen“ werde das Wetter, schrieb er seinen Schülern kurz vor Beginn der Kanufahrt in einer Horrormeldung. Aber: „Ihr werdet es überleben, wenn ihr meine Anweisungen befolgt.“ Kassel, Haupt- und Realschullehrer an der Kopernikusschule Freigericht, ist derzeit mit seiner H9b auf Abschlussfahrt. Allerdings fuhr er mit seinen Schülerinnen und Schülern nicht wie üblich nach Berlin, München oder eine andere europäische Stadt. Die H9b macht derzeit eine Kanufahrt auf der Lahn. Ein außergewöhnliches Projekt mit einem tiefgreifenden, gedanklichen Hintergrund.
Zwar sollen die Schüler auch ihren Spaß haben, dafür ist eine Abschlussfahrt schließlich gedacht. Das Projekt hat aber auch einen pädagogischen Hintergrund. Wer mit seinem Kanu mehrere Tage einen Fluss befahren will, hat zwei Möglichkeiten: Entweder einfach drauflos paddeln oder sich erst gründlich über einen Fluss und die örtlichen Gegebenheiten informieren. Kassel wählte mit seiner Klasse die zweite Variante. Schon Monate vor Beginn der Kanufahrt informierte er Schüler, Eltern und vor allem auch Schulleitung und Schulamt über die „Überlebens-Tour“ und räumte somit sämtliche Bedenken aus dem Weg. Das einschlägigste Argument war wohl, dass das Kanuprojekt alles einschloss: Einen Großteil des normalen Unterrichts, einen gesonderten Projekttag in der Woche, freiwilliges Nachmittagsprogramm mit Kanubau und zum Abschluss die mehrtägige Kanufahrt.
Seine Schüler bereitete er so intensiv auf die Fahrt vor, dass sie trotz der schlechten Wetterlage mit Begeisterung in Wetzlar in die Boote stiegen. Jeweils zwei Schülerinnen oder zwei Schüler bildeten ein Team, das nicht nur einfach zusammen in einem Kanu saß. Jeder war für den anderen verantwortlich, musste sich mit seinem Partner das Kochen teilen und zusammen das Zelt aufbauen. Die Kameradschaft stand im Vordergrund, keiner kam ohne den anderen aus. Vor allem die Mädchen entwickelten einen ganz besonderen Ehrgeiz und steckten keinesfalls hinter ihren männlichen Klassenkameraden zurück. Dass es alleine nicht ging, merkten die Schülerinnen und Schüler an ganz einfachen Dingen. So konnten die Boote beispielsweise nur dann aus dem Wasser gehoben werden, wenn alle mit anpackten. Für Kassel das Wichtigste. In einer Zeit, wo sich Jugendliche immer mehr zu reduzierten Persönlichkeiten im körperlichen und psycho-sozialen Bereich entwickeln, muss aktives Tun passives Konsumieren wieder ersetzen. Außerdem beweist er, dass derartige Projekte auch mit Hauptschülern möglich sind und räumt somit schubkarrenweise Vorurteile aus dem Weg.
Nach der täglichen Strecke auf dem Wasser, meist etwa 15 bis 20 Kilometer, ging es sofort an den Zeltaufbau. Erst danach stärkten sich die Teilnehmer. Am Abend bekamen die Schülerinnen und Schüler die Einsamkeit der Wildnis zu spüren. Lagerfeuer, Gitarre, Robinson Crusoe lässt grüßen. Ab und zu kehrten die Abenteurer aber auch in die Zivilisation zurück. Dann war Kultur angesagt, zum Beispiel in Limburg bei einer Dombesichtigung.
Morgens wurden die Schülerinnen und Schüler dann „zärtlich“ geweckt. Kassel ging mit seiner Trillerpfeife von Zelt zu Zelt und sorgte dafür, dass auch der hartnäckigste Langschläfer aus seinen Träumen gerissen wurde. Wohl die einzige Situation, wo sich Kassel bei seiner Truppe etwas unbeliebt machte.
Für Unterhaltung sorgte dagegen sein Kollege Reinhold Hein. Der versuchte sich im Einer-Kajak und kenterte sehr zur Schadenfreude aller Teilnehmer. Weitere Begleitpersonen waren Edgar Simon und Winfried Suchy aus der Elternschaft. Und auch Rektor Horst Sassik, Leiter des Hauptschulzweiges an der Kopernikusschule, ließ es sich nicht nehmen, seine Schützlinge zu besuchen. Er blieb allerdings im Trockenen und verzichtete auf die Fahrt im Kanu.Wenn alles gut gegangen ist, erreichen die Abenteurer morgen die Lahn-Rhein-Mündung in Lahnstein. Dort will Kassel zum Abschluss mit seiner Klasse in den Rhein hineinfahren. Bleibt zu hoffen, dass Alle Kassels Überlebensregeln befolgt haben und noch an Bord sind.
Adreas Ziegert
Als ich 1995 damit begann, an der Kopernikusschule eine eigene Kanuflotte aufzubauen, brauchte ich neben inhaltlicher Akzeptanz der Projekt-Konzeption in erster Linie Geld zum Kauf von Kanu- und Zeltausrüstung. Neben öffentlichen Geldgebern (Kultusministerium) und schulischen Helfern („Elternspende“, organisiert durch den Schulelternbeirat, „Freundes- und Förderkreis“ der Kopernikusschule) gelang es mir auch in bescheidenem Rahmen, private Sponsoren aus Kanuindustrie und Kanuhandel „anzuzapfen“. Dazu musste ich mich allerdings erst mal in der Kanuszene bekannt machen. Um diese gezielte „PR-Maßnahme“ zu beschleunigen, kam ich 1995 auf die glorreiche Idee, als freier Mitarbeiter für alle einschlägigen Fachzeitschriften wie KANUMAGAZIN (www.kanumagazin.de), KANU-Sport (Zeitschrift des Deutschen Kanuverbandes, www.kanu.de) und OUTDOOR (www.outdoormagazin.com) selbst Reiseberichte und für den auf Kanuliteratur spezialisierten Pollner-Verlag (www.Pollner-Verlag.de) Kanu-Bücher zu schreiben. (siehe hierzu die Seite "Bücher/Artikel/Fotos"
KANUMAGAZIN – Heft März/April 1995 Kanufahren wird Schulsport
Gerd Kassel, Lehrer und Kanumagazin-Autor (Niederlande-Story ab Seite 68) verbindet Hobby und Beruf. Mit einem „fachübergreifenden, handlungsorientierten Kanu-Projekt“ für die 9. Klasse der Kopernikusschule Freigericht will er die Schülerschaft aufs Wasser locken. In Sozialkunde und Polytechnik setzt das Konzept an den Wurzeln, bei Eskimos und Indianern, an und leitet über zum heutigen, überwiegend freizeitmäßigen Paddeln. In den Erdkundeunterricht wird der Aspekt „Fluss“ integriert: Morphologie, Strömungslehre, Tal-Entstehung, Gesteinsarten, Hochwasser etc.. In Biologie und Ökologie werden Fauna und Flora des Flusses besprochen, die Bedeutung von Flusslandschaften für die Artenvielfalt sowie Verursacher und Folgen von Flussverschmutzung und –zerstörung. Der Bereich „Mit dem Kanu auf dem Fluss“ umfasst Paddeltechnik, Logistik, soziale und Sicherheitsaspekte.
Dann – endlich – kommt die Praxis: Die Schüler bauen ein einfaches Holz-Kanu und nach einer Einführung auf See- und Fließgewässern geht die Klassenabschlussfahrt auf eine 10-tägige Kanu-Wandertour auf die Lahn. Das insgesamt über 3 Monate laufende Projekt wird vom Land Hessen im Rahmen des „Europaschulprogramms“ bezuschusst. Nähere Infos zum Thema gibt’s bei Gerd Kassel, Hauptstraße 41, 63579 Freigericht-Horbach.
Gerne hätte ich auch Fernsehsender für meine Kanuprojekte interessiert, aber da kam bei entsprechenden Anfragen keine Resonanz. Vielleicht bin ich auch immer an die falschen Leute geraten. Demnächst, wenn ich ein Projekt-Buch vorzeigen kann, was mir natürlich auch als „Türöffner“ dienen soll, werde ich es wieder mal versuchen. Denn eins dürfte klar sein: Erlebnispädagogische Unterrichtsprojekte, egal ob Paddeln, Segeln, Klettern usw. sind kostenintensiver als herkömmlicher, theoretischer Unterricht. Die Schule der Zukunft wird eine Ganztagsschule sein, wo theoretisches Lernen am Vormittag und praktisches Lernen am Nachmittag stattfinden wird. Durch die chronisch werdende Verknappung öffentlicher Finanzmittel werden die Schulen genötigt, private Schulsponsoren zu finden. Dafür muss man ein attraktives Schulprofil vorweisen, d.h. die Schule muss eine permanente Schau abziehen, was natürlich auf Dauer nur gut geht, wenn man gut ist. Auf jeden Fall gehört dazu möglichst häufige und positive Medienbeachtung. Das ist mir mit meinem Kanuprojekt bei der Presse bisher ganz gut gelungen.
FRANKFURTER RUNDSCHAU – 30.7.1997 Begeisterung auf der Lahn....
Ganz begeistert berichtet uns Uwe Scharf über die Erfahrungen, die er mit der Klasse seines Sohnes auf einer Lahn-Kanufahrt machte. Die R9e der Freigerichter Kopernikusschule mit Klassenlehrer Gerd Kassel machte sich für eine Woche in schuleigenen Booten auf, zwischen Wetzlar und Lahnstein die Landschaft zu erkunden. Bio, Geschichte und Sozialkunde wurden auf der Tour praktisch erfahren. Hinzu kam das in der Theorie gern beschworene „soziale Lernen“ – etwa dann, wenn es hieß, in durchnässten Zelten bei Laune zu bleiben oder gemeinsam die zehn bepackten Boote immer wieder an Land und zurück aufs Wasser zu schleppen.
Zum spontanen Unterricht über Biologie und Leben am geschützten Fluss entwickelte sich die Begegnung mit einem Fischer. Trotz vorgerückter Stunde nach einem anstrengenden Paddeltag waren die Schüler bei der Sache. Kein Einzelfall war diese Verbindung von Unterricht, sportlicher Betätigung, gemeinsamer Konfliktbewältigung und Auseinandersetzung mit täglich neuen Aufgaben. Uwe Scharf und die drei übrigen Väter, die mit waren, erlebten jedenfalls fast etwas neidisch, wie viel Freude am Lernen die Schule mit einem engagierten Lehrer doch geben kann.
Um ehrlich zu sein, sehr spendabel ist die Kanuindustrie gegenüber sozialen Einrichtungen nicht gerade. Das hat zwei Gründe: Erstens stehen sie längst in Schlange an, die „bettelnden“ Vertreter von Schulen, Erziehungsheimen, Betreuungsvereinen usw. Zweitens sind die Kanufirmen vergleichsweise nur kleine Unternehmen, die es sich nicht leisten können, ihre Produkte zu verschenken. In der Regel wollen Sponsoren eine Gegenleistung wie gute Fotos, Artikel, Internetauftritte u.ä., was sich werbewirksam an den Kunden bringen lässt. Sponsoren-„Geschenke“ werden meist aus dem bescheidenen Werbeetat finanziert. Trotzdem ist es mir gelungen – hauptsächlich durch meine privaten Aktivitäten wie gute Kanufotos zu veröffentlichen, Zeitschriften-Artikel und Kanubücher zu schreiben und eine eigene Homepage www.kanukassel.de zu gestalten – einige Boote, Bootswagen, Paddel, Schwimmwesten und wasserdichte Packsäcke für meine mobile Kanuflotte an „Land“ zu ziehen.
FRANKFURTER RUNDSCHAU – 24.11.1998 Für Klassenfahrten gibt es nun ein Kanu mehr
„Gewinn“ für Kopernikusschüler Main-Kinzig-Kreis. Die Schüler der Kopernikusschule Freigericht werden sich freuen: Ihre Kanuflotte von zehn Kanus ist jetzt auf elf angewachsen. Diesmal mussten die Jugendlichen der additiven Gesamtschule das Kanu nicht wie schon drei andere zuvor in mühevoller Handarbeit aus Holz bauen – sie haben es einfach geschenkt bekommen. Ihr Lehrer Gerd Kassel, der gern in der freien Natur unterwegs ist, hatte sich um das Geschenk beworben. Der Kanu- und Kajakhersteller Old Town verschenkte zu seinem 100. Geburtstag 50 Kanus an gemeinnützige Einrichtungen. Eine Jury, bestehend aus einem Bundestagsabgeordneten, einem Sozialarbeiter und dem Chefredakteur einer Kanu-Fachzeitschrift, musste aus 400 Bewerbern auswählen und vergab ein Kanu an die Kopernikusschule. Gerd Kassel, der „alles außer Mathe unterrichtet“, wird mit seinen Schülern das 38 Kilogramm schwere Kanu auf der Lahn ausprobieren. Und weil „normaler Unterricht zu langweilig ist“, veranstaltet er auch regelmäßig Klassenfahrten auf allen Wanderflüssen Deutschlands. In Zukunft wird er dabei allerdings vorsichtiger sein: Seine Schüler sollen ihn nicht wie zuletzt auf der Weser zum Kentern bringen.
Neben der Kanuindustrie kommen als mögliche Projekt-Sponsoren auch noch ortsansässige Firmen, Geschäfte und Banken in Frage. Schüler-Eltern arbeiten oft in Betrieben, wo es was Nützliches zu holen gibt, z.B. 10mm-Verpackungsseile als Bootsleinen von der Flughafen-AG, wasserdichte, lebensmittelechte Tonnen unterschiedlicher Größe vom Chemie-Konzern in der Nachbarstadt, Spenden für einen Kanu-Anhänger von der Sparkasse usw.
Auf jeden Fall macht es Sinn, in der Öffentlichkeit viel „Wind“ zu machen. Z.B. als die Kopernikusschule 30 Jahre alt wurde, da gab es ein großes Schulfest und tags zuvor einen Projekttag für alle Schüler. Dies war auch für mich erstklassiger Anlass und bestens geeignete Plattform, um mein Kanuprojekt anschaulich der gesamten Schulgemeinde und anwesenden Presse vorzustellen:
INFOBRIEF FÜR DIE ELTERN UND SCHÜLER/INNEN DER KLASSEN H6a und H8a
Gegen Ende dieses Schuljahres im Frühsommer 2002 sind unter meiner Leitung für die Klassen H6a und H8b mehrtägige Kanuprojekte als für alle Schüler/innen verbindliche Klassenfahrten geplant. Die H6a wird für ca. eine Woche mit mir in ein Zeltlager an den Edersee fahren. Die H8b mit Frau Kuhn-Dankert wünscht unter meiner Leitung eine 8-tägige Kanufahrt mit Zelt-Gepäck auf der Lahn.
Die von mir konzipierten, organisierten und geleiteten Kanuprojekte an der Kopernikusschule Freigericht verfolgen in erster Linie den Zweck, in den beteiligten Schulklassen die Gemeinschaft, den Teamgeist und die körperliche Fitness zu fördern. Außerdem lernen die Schüler/innen wichtige Dinge im Umgang mit sich, ihren Mitmenschen und der Natur. Wer sich genauer für die Zielsetzungen und Abläufe meiner Kanuprojekte interessiert, liest bitte weiter im Anhang meine Info-Reportage „Kanufahren als soziale Therapie“. Diese leicht verständliche und anschauliche Darstellung habe ich für die Internet-Homepage einer bekannten Kanu-Firma geschrieben, die das Kanu-Projekt sponsert.
Meine Kanuprojekte müssen in Laufe des Schuljahres mit den beteiligten Schulklassen sehr gut vorbereitet werden. Dazu möchte ich diesmal u.a. auch das am 8.9.2001 stattfindende Schulfest, sowie den tags zuvor geplanten Projekttag nutzen. Neben den üblichen Festivitäten sind Lehrer/innen und Schüler/innen der Kopernikusschule Freigericht aufgefordert, im Rahmen des Schulfestes (Samstag von 11 bis 18 Uhr) den Eltern, Besuchern und der Öffentlichkeit besondere und sehenswerte schulische Aktivitäten vorzustellen. So können Frau Kuhn-Dankert und ich bei dieser zweitägigen Schulfest-Veranstaltung „zwei Fliegen mit einer Klappe“ schlagen. Erstens können wir anschaulich und sehr ausführlich interessierte Eltern über Konzeption, Organisation und Durchführung unserer Kanuprojekte informieren. Zweitens bereiten wir unsere Schüler/innen der Klassen H6a und H8b mit praktischen Übungen und Arbeiten bereits eingehend auf die in diesem Schuljahr stattfindenden Kanuprojekte am Edersee und auf der Lahn vor.
Für unsere Kanuprojekte ist es sehr wichtig, dass auch die Eltern vom Sinn solcher Veranstaltungen überzeugt werden. Auch freuen wir uns immer über die Mitarbeit und Mithilfe naturbegeisterter Mütter und Väter. Damit die Eltern der Klassen H6a und H8b wissen, was abläuft und wann und wo ihre Anwesenheit und Teilnahme geschätzt wird, möchte ich hiermit alle Beteiligten und Betroffenen über die geplanten Aktivitäten am Freitag, den 7.9.2001 und Samstag, den 8.9.2001 informieren.
Freitag, 7.9.2001 – Projekttag
Vormittags: Dort üben wir das Auf- und Abbauen von Zelten und bauen ein vorbildliches Zeltlager auf. Schüler/innen, welche Zelte, Iso-Matten, Luftmatratzen und Schlafsäcke besitzen, bringen diese notwendige Ausrüstung am Freitagmorgen mit in die Schule. Wir planen von Freitag auf Samstag eine Übernachtung möglichst vieler Schüler/innen der Klassen H6a und H8b im vorbildlich aufgebauten Zeltlager. Geübt wird also der Ernstfall auf Klassenfahrt, natürlich auch, wenn’s regnet. Denn dafür müssen wir gerüstet sein und sind es auch. Alle beteiligten Schüler/innen müssen ihre Verpflegung an beiden Tagen sicherstellen, z.B. durch „Fress-Pakete“ vorbeischauender Eltern.
Nachmittags: Präsentation der gesamten schulischen Kanu-Ausrüstung und das Einüben des sachgemäßen Umgangs hiermit, z.B.: Reinigen der Boote, Tragen und Aufladen der Kanus auf den Bootsanhänger, Anlegen von Schwimmwesten, Trockenübungen in Sachen Paddeltechnik, usw. Aufbauen von Regendächern (Tarps) und Bierzelt-Garnituren zum gemütlichen Beisammensitzen. Anlegen einer Feuerstelle, Organisieren von Brennholz, Feuermachen. Einführung in den Umgang mit den schuleigenen Spiritus-Campingkochern. Anfertigen einfacher Gerichte.
Abends: Um 20 Uhr zweistündiger Diavortrag von mir über Zielsetzung, Organisation und Durchführung meiner Kanuprojekte in der Aula der Kopernikusschule. Nachmittags wird Elternbesuch gerne gesehen. Abends beim Info-Diavortrag ist Eltern-Anwesenheit „Pflicht“.
Ab 22 Uhr gemütliches Zusammensitzen am Lagerfeuer. Vorbereitung zur Zeltübernachtung. Für die notwendige Aufsicht durch Erwachsene wird von mir gesorgt. Trotzdem wären elterliche „Nachtschwärmer“ als Lagerwache willkommen.
Samstag, 8.9.2001 – Schulfest
Ab 7 Uhr: Nach dem Wecken und Aufstehen gemeinsames Camping-Frühstück und Aufräumen des Lagers.
Ab 11 Uhr: Das Zeltlager und die gesamte Kanu-Ausrüstung wird während des Schulfestes den Besuchern zur Schau gestellt. Außerdem werden wir Kochen, Braten, Grillen, Stock-Brot und Pfannkuchen backen, Essen und Trinken, was das Zeug hält, bzw. was (von Eltern) angeliefert wird. Als „Zwischen-Show-Einlage“ wird das komplette Zeltlager innerhalb einer Stunde komplett wasserdicht verpackt und in die Kanus verladen – und anschließend in noch kürzerer Zeit wieder aufgebaut. Zu vorher verabredeten Zeiten können sich die Schüler/innen der H6a und H8b unter Zurücklassung einer Lagerwache auf dem Schulfest umschauen.
Ab 16 Uhr: Abbauen des Zeltlagers und Verstauen der Kanu-Ausrüstung in den Lagerräumen.
Ich hoffe, dass möglichst alle Schüler/innen und viele Eltern der Klassen H6a und H8b mit Spaß und Begeisterung bei der Sache sein werden und das besondere Engagement ihrer Lehrer/innen zu schätzen wissen. Schulische Kanuprojekte der von mir vorgestellten Art finden in Deutschland nicht aller Orten statt, da sie mit sehr viel Arbeit, Sachkenntnis und Idealismus verbunden sind. Den Schüler/innen der Kopernikusschule Freigericht wird also in jeder Hinsicht etwas Besonderes geboten, worauf andere Schulen nicht selten neidisch sind. In diesem Sinne erhoffe und erwarte ich eine gute Zusammenarbeit.
Mit freundlichen Grüßen Gerd Kassel
Kanuprojektleiter und Klassenlehrer der H6a
Ich erinnere mich, dass die hier vorgestellte schulinterne Öffentlichkeitsarbeit im Rahmen eines Schulfestes bestens lief und somit fast automatisch zwei Tage später zu einem positiven Presse-Echo führte:
GELNHÄUSER NEUE ZEITUNG – 10.9.2001
30 Jahre Kopernikusschule - Ein Schulfest der Superlativen zum Jubiläum
Freigericht-Somborn (gla). Ein Schulfest der Superlativen eröffnete am Samstagvormittag die Leiterin der Kopernikusschule, Anna Maria Dörr........ In über 60 Programmpunkten waren 44 der insgesamt 76 Schulklassen eingebunden. Gar nicht zu reden von den Eltern der insgesamt mehr als 2300 Schüler, dem „Freundes- und Förderkreis“, dem Kollegium einschließlich Schulleitung und –personal. Aber die Mühe und der Aufwand haben sich gelohnt. Unzählige Gäste strömten den ganzen Tag durch die Flure, Klassenzimmer, Sport- und Außenanlagen der Schule, um sich über die Aktivitäten an der Kopernikusschule zu informieren....... Neben Theateraufführungen, Reise- und Schüleraustauschberichten gab es auch ausreichend Information über verschiedene Schulprojekte, von denen eines besondere Aufmerksamkeit verdiente: Die Vorbereitung einer noch in diesem Schuljahr anstehenden mehrtägigen Kanufahrt der 6. und 8. Klasse der Hauptschule. In der kleinen Senke zwischen Parkplatz und Haupteingang der Schule übten die Schüler den Aufbau eines Zeltbiwaks, den Transport der schweren Kanus, das Herrichten einer Mahlzeit auf Campingkochern und Grillen am Lagerfeuer. Gerd Kassel, Klassenlehrer und geistiger Vater dieses Projekts, zieht diese Exkursionen seit zehn Jahren mit Erfolg durch. Dabei steht bei ihm nicht das Erreichen eines bestimmten Zielortes, sondern die Förderung des Sozialverhaltens und Teamgeistes seiner Schülerinnen und Schüler im Vordergrund. Der autoritäre Mensch, wie er sich selbst nennt, baut mehr auf soziales Lernen in der Praxis und handlungsorientierten Unterricht als auf trockenes Vermitteln theoretischen Wissens. Seine Kids freuen sich auf jeden Fall schon jetzt auf dieses gut vorbereitete und sicher auch spannende und abenteuerliche Erlebnis. Mit solchen und ähnlichen Varianten der Wissensvermittlung haben die Verantwortlichen zu dem guten Namen der Kopernikusschule in den zurückliegenden dreißig Jahren immer wieder beigetragen und auch für deren gewisse Vorrangstellung in der Region gesorgt.
Da kann man nicht meckern. Die Presse stand auch bei dieser PR-Aktion auf meiner Seite. Doch jeder, der schon mal Outdoor-Projekte durchgeführt hat, der weiß:
„Es ist nicht alles Gold, was glänzt“
In Wirklichkeit geht nämlich der Projekttag vor dem Schulfest so ziemlich in die Hose. Von Freitagmorgen bis Samstagmorgen regnet es in Strömen und Sturmböen zerlegen immer wieder unser „vorbildliches“ Zeltlager. Der Boden ist aufgeweicht, die Zeltheringe haben im klebrigen Schlamm kaum Halt. Nur die wenigsten Schülerinnen und Schüler tragen Gummistiefel und Regenanzüge. Die meisten sind schnell durchnässt und haben „keinen Bock“ mehr. Von den drei eilig aufgespannten Regendächern (Tarps 5 x 5 m) werden zwei ruckzuck in Fetzen gerissen. Für das Lagerfeuer haben wir nur nasses Holz, das mehr raucht als brennt.
Es ist also etwas Improvisation angesagt: Einen bewährten Mitarbeiter aus der Elternschaft schicke ich schnell in einen Großhandel für Berufsbekleidung, um dort aus Geldern unserer Kanuprojektkasse einen Klassensatz wasserdichter Regenanzüge zu kaufen, wie ihn die Bauarbeiter bei Sauwetter tragen – Jacke mit Latzhose für nur 8 Euro. Robert bringt tatsächlich 30 gelbblitzende „Friesennerze“ an, nicht in den passenden Größen (Bauarbeiter sind nun mal XXL-Typen), aber praktisch, preiswert, gut!
Trotzdem: Alle bis auf die Unterhose nassen und schlotternden Kinder muss ich mittags erst mal heimschicken, um die Kleidung zu tauschen und Badeklamotten zu holen – nicht weil sich das Biwakgelände allmählich in einen Badesee verwandelt, sondern ein schönes, warmes Hallenschwimmbad genau neben unserem Biwakplatz sehr verführerisch zum Verweilen einlädt. Nach kurzer, etwas kontrovers geführter Diskussion über sogenannte „Weicheier“ ist klar: Auch das Retten und Bergen absaufender Kanuten muss unbedingt geübt werden – und das geht am besten im Schwimmbad. Schnell fällt mir auch eine passende Kanuprojekt-Übung ein, bei welcher der DLRG-Bademeister flexibel mitspielt: Erste Hilfe bei Ertrinken! Maßnahmen zur Wiederbelebung! Wie wird man DLRG-Rettungsschwimmer? Nur als wir zwecks Eskimotiertraining Kajaks in sein Schwimmbecken holen wollen, da streikt er. Die sind ihm zu schmutzig.
So verbringen wir einen netten und lehrreichen Nachmittag im Schwimmbad. Nur, irgendwann müssen wir da wieder raus – und draußen schifft es immer noch wie aus Eimern. Egal, rein in die neuen Plastikanzüge und auf in den Kampf. Das vom Winde verwehte Lager muss nach aktuellen, schlechten Erfahrungen und daraus abgeleiteten, neuen Erkenntnissen wieder aufgebaut werden. Die Kids wissen jetzt, dass es sinnvoll ist, den Zelteingang auf die Windschattenseite zu legen und wirklich alle zu Verfügung stehenden Zeltheringe und Sturmleinen auch tatsächlich zu nutzen.
Als es dunkel wird, bereiten wir in der Schulaula meinen Kanuprojekt-Diavortrag vor, stellen hundert Stühle auf, montieren meine große Leinwand (3 x 4,5 m) und meinen nagelneuen, lichtstarken Überblendprojektor. Mit diesem Equipment halte ich auch privat bei Kanufirmen und sogenannten Händler-Events Bildvorträge über meine Kanutouren in aller Welt. Aus über tausend Dias vergangener Kanuprojekte habe ich die schönsten und aussagekräftigen Fotos herausgesucht, um Eltern und Schüler von der Schönheit der Natur, der Ästhetik des Paddelns und der Romantik des Zeltens zu überzeugen.
Tatsächlich füllt sich der Saal bis auf den letzten Stuhl – sogar meine vielbeschäftigte Schulleiterin taucht erstmals bei einer solchen Veranstaltung von mir auf. Alle sind begeistert – bis wir am Ende wieder raus müssen in die stürmische Regennacht! Mein bunt-fröhlicher Diavortrag in beheizter Aula steht im harten Kontrast zur aktuellen Outdoor-Wirklichkeit. Die Eltern machen sich blitzschnell aus dem Staub, äh, Sprühregen, der waagerrecht durch die Luft gepeitscht wird. Etwa die Hälfte nehmen ihre Kinder gleich mit ins schützende Heim. Nun gut, ein bisschen Schwund hat man bei jedem erlebnispädagogischen Projekt. Die realen Erlebnisse sind ja nun mal im Gegensatz zur theoretischen Pädagogik nicht immer nur gut!
Mit etwa dreißig verbliebenen Schülerinnen und Schülern aus zwei Hauptschulklassen verbringen wir auf der Schulwiese eine schlaflose Nacht. Das als leicht-lockere Übung gedachte Anfänger-Biwak wird zum härtesten Fall, den ich jemals mit Schülern outdoors erlebt habe. Mitten in der Nacht kippen in den Sturmböen Bänke und Tische um und einige Boote und Gepäcktonnen machen sich selbständig. Als dann auch noch die Zeltstangen der billigen Iglu-Zelte knallend zerbersten, tritt der Notfallplan in Kraft. So ein Plan ist notwendig, egal, wo ich mich des Nachts mit einer Schulklasse aufhalte. Es besteht immer die Möglichkeit, dass heftige Unwetter ein Schüler-Zeltlager zerbröseln können. Die Auswahl der Zelt- und Campingplätze auf Kanutour muss eine Rückzugsmöglichkeit in „feste“ Behausung gewährleisten – und wenn es die Klohäuschen oder die Begleitfahrzeuge sind.
Wir ziehen uns geschlagen zurück in unser „Bootshaus“. Das ist ein alter Schulpavillon, der eigentlich abgerissen werden sollte, aber heute noch gute Dienste als Kanulagerraum und Werkstatt leistet. Es ist hier nicht gerade sehr gemütlich, aber einigermaßen trocken, von ein paar Tropfstellen abgesehen, wo Eimer drunter stehen. Einige Kids behaupten, sie hätten auch Ratten gesehen. Natürlich kommt hier niemand mehr zum Schlafen.
Als der 8. September 2001, der glorreiche Tag unseres Jubiläumsschulfestes beginnt (es ist übrigens auch mein fünfzigster Geburtstag), reißt plötzlich der Himmel auf – und alles wird gut! Die Fahnenflüchtigen kehren zurück und wir bauen mit neuen ALDI-Zelten, die ich immer in Reserve habe, ein wunderschönes, ordentliches Zeltbiwak wie aus dem Lehrbuch auf. Alle Besucher und Zeitungsreporter, die unser Projektlager inspizieren, um sich einen genauen Eindruck solcher Highlights praktischen Lernens zu verschaffen, sind begeistert. Nun denn! Meine Kids und ich sind nur todmüde.
Die beiden Kanuprojekte im Sommer 2002 verlaufen dann aber wider Erwarten ohne Wetterkapriolen, Materialschwund und Fahnenflucht ganz erfolgreich. Trotzdem fällt das Lahnprojekt im Juni 2002 organisatorisch ziemlich aus dem üblichen Rahmen. Aus der Lahn-Tour wird plötzlich eine internationale Begegnungsfahrt – zusammen mit einem Lehrer und 9 Schüler/innen aus Polen.
GELNHÄUSER TAGEBLATT - 22.6.2002
Übers Wasser auf zu neuen Ufern
Erlebnispädagogik in Freigericht: Gerd Kassel und sein paddelndes „Klassenzimmer“ unterwegs auf Fulda, Lahn und Weser
Freigericht. Die kleine weiße Tonne mit dem roten Deckel, auf der in großen Buchstaben „Müsli“ steht, ruft bei einem der Achtklässler offensichtlich so etwas wie Ekelgefühle hervor. Eine Stunde hat er morgens gebraucht, dieses Frühstück `runterzubringen. Und das an acht Tagen hintereinander. Trotzdem macht er einen zufriedenen Eindruck. Kein Wunder. Denn für ihn war wohl das Müsli das einzig unangenehme an diesem Unterrichtsprojekt: Eine Woche lang paddelte Klassenlehrer Gerd Kassel mit der H8b der Kopernikusschule und neun polnischen Schülern samt Lehrer über die Lahn. Im Rahmen des Unterrichts. Erlebnispädagogik heißt das kurz. In Wirklichkeit führt Gerd Kassel hier so manchen Schüler übers Wasser zu neuen Ufern in seinem Leben.
Keine Perspektive, keine Lust, das Gefühl, überflüssig zu sein, von den Eltern unverstanden, schlechte Leistungen in der Schule, keine Aussichten auf einen erfüllenden Job, Aggressivität, Gewalt, Frust. Eine Liste von Stichworten, die sich beliebig fortsetzen lässt. Viele Schüler, gerade in Hauptschul- und Problemklassen, kennen nicht selten die ganze Liste. An der Kopernikusschule in Freigericht gibt es einen Lehrer, der sich diesen Schülern annimmt und ihnen durch ein ganz besonderes Projekt hilft, ihr Selbstvertrauen zu stärken, Ängste und Hemmungen abzubauen, Konflikte zu bewältigen, sich in die Gemeinschaft zu integrieren, ihre „soziale Intelligenz“ zu fördern, sie in der freien Natur das Gefühl von Kameradschaft und Zugehörigkeit spüren zu lassen. Dafür geht’s tagelang aufs Wasser, bei jedem Wetter: Zwei bis drei Kanutouren unternimmt der passionierte Paddler Gerd Kassel im Jahr mit Klassen, die er im Haupt- und Realschulzweig der Kopernikusschule Freigericht unterrichtet. Der 50-jährige, der seit 28 Jahren Lehrer ist, seit 20 Jahren an der Kopernikusschule, kann in sechs Fächern unterrichten. Das verschafft ihm die Möglichkeit, möglichst viel Zeit mit seinen Schülern zu verbringen, sie richtig gut kennen zu lernen.
Seit 1994 baut er die „Erlebnispädagogik“ an der Kopernikusschule aus, kann mehrere Kanu-Routen unterschiedlicher Schwierigkeitsgrade anbieten. Mit den Jüngeren, der Hauptschulklasse H6b mit 23 Schülern, hat Kassel gerade ein Kanu-Camp am Edersee abgeschlossen. Knapp 125 Kilometer müssen die Schüler paddelnd zurücklegen, wenn sie auf der Lahn-Tour von Wetzlar bis Lahnstein unterwegs sind. 232,5 Kilometer misst die Tour auf Fulda und Weser von Rotenburg bis Hameln.
„Outdoor“-Unterricht
Von der Lahn-Tour ist Kassel gerade zurückgekehrt. Vom 8. bis 15. Juni kam die H8b in den Genuss des „Outdoor“-Unterrichts. Integration eingeschlossen.
Der Lehrer Leonard Kurlej, der an einer technischen Oberschule in Niederschlesien/Polen unterrichtet – hier lernen die Schüler Deutsch und Französisch als Fremdsprachen – war durch ein Magazin auf Gerd Kassels Projekt aufmerksam geworden. Der Kontakt war schnell geknüpft und so konnten neun polnische Schüler zwischen 16 und 19 Jahren und ihr Lehrer mit auf der Lahn paddeln. Aus einem Schreiben des Lehrers an Gerd Kassel geht hervor, wie viel Spaß dieses Projekt den polnischen Schülern und ihrem Lehrer gemacht und wie viel es auch in pädagogischer Hinsicht gebracht hat. Besonders lobt Leonard Kurlej darin die gute Organisation der Tour durch Gerd Kassel und sein Helferteam, die tolle Ausrüstung und das pädagogische Geschick, mit dem Kassel seine Mannschaft im Griff hat. Obgleich die „Erziehungsziele“ einer solchen Tour nicht bei allen Schülerinnen und Schülern gleich hoch gesteckt und erreicht werden können. Manchmal fährt auch einer nach Hause. „Ich lasse den Kindern schon auch Freiheiten, unser Verhältnis hat vielleicht etwas kumpelhaftes. Aber ich stecke ganz klare Grenzen und wenn die überschritten werden, verstehe ich keinen Spaß mehr. Dann werde ich richtig autoritär“, sagt Kassel.
Ohne Teamarbeit geht nichts
Mit 42 Leuten, 21 Kanus, acht Betreuern und acht Begleitfahrzeugen war Gerd Kassel samt H8b und den polnischen Gästen auf der Lahn und den Zeltplätzen an ihren Ufern unterwegs.
Vorbereitet werden die Touren unter anderem bei Elternstammtischen, Kassel pflegt einen engen Kontakt zu den „Erziehungsberechtigten“, viele fahren gerne als Betreuer bei den Touren mit. Ebenso wie sein Kollege, Oberstudienrat a.D. Erich Schust, der kaum eine Tour auslässt. Die Ausrüstung hat Kassel über Sponsoren – er schreibt und fotografiert für Kanu-Magazine – Spenden und Gelder aus dem Fond für die Europaschule finanziert. Einen alten Pavillon auf dem Schulgelände hat er mit den Schülern zum Kanuprojekt-Pavillon umfunktioniert.
Die Schüler lernen bei den Touren, im Team zu arbeiten. Jeweils zwei arbeiten zusammen, benutzen das selbe Zelt, das selbe Kanu. Sie haben einen gemeinsamen Trangia-Sturmkocher und müssen sich ihr Essen selbst zubereiten. Dafür gibt’s alle zwei Tage 20 Euro.
Wer sein Geld für Zigaretten und Süßigkeiten `rausschmeißt, der muss hungern. Damit aber wenigstens der „Start“ in den Tag ausgewogen ist, gibt’s neuerdings morgens Müsli und H-Milch. Was nicht alle gut finden......
Zelte, Schlafsäcke und andere Utensilien sind wasserdicht in Tonnen verpackt – genauso wie das Unterrichtsmaterial wasserdicht in Folie verschweißt ist. Etwa zwei Stunden täglich wird – bei jedem Wetter im Freien – Unterricht gehalten – Gewässerkunde, Flora und Fauna, Geschichte der Flussschifffahrt und vieles mehr. Zum Thema Umweltschutz gehört das Einsammeln von Müll im Uferbereich. Die Kids arbeiten weitestgehend selbständig – müssen auch mit ihren Landkarten alleine sehen, wie sie klarkommen. Wie man sie liest, lernen sie im Unterricht. An oberster Stelle steht die Teamarbeit – wer nur an sich selbst denkt, kommt hier nicht weit. Aber natürlich bringen die Touren auch jede Menge Spaß und befriedigen den Durst nach körperlicher Anstrengung – obgleich der nicht bei jedem gleich groß ausgeprägt ist – und nach Abenteuerlust. So fliehen die Sechstklässler nicht selten mit ihren Kanus über Land vor feindlichen Indianerstämmen – kleine Blessuren inklusive.
Aber abends am Lagerfeuer ist alles vergessen – und erst recht am nächsten Tag, wenn so mancher auf dem Fluss zwischen zwei Ufern seine innere Mitte findet....
Kontakt: Gerd Kassel, Hauptstraße 41, 63579 Freigericht - Horbach, Tel.: 06055/ 84937, AG.Kassel@t-online.de.
Mit der Vorstellung meines Kanuprojekts in obigem Zeitungsartikel vom 22.6.2002 war ich zufrieden, trifft er doch anschaulich, kurz und für Jedermann verständlich den Kern der Sache. Nicht immer sind Medienmenschen bereit oder es fehlt ihnen die Zeit, sich in das erlebnispädagogische Projektkonzept hinein zu denken. Nicht oft, aber gelegentlich kommt es auch vor, dass sich Kritiker meines Unterrichts verständnislos und kopfschüttelnd fragen, was Kanufahren eigentlich mit dem Lernauftrag der Schule zu tun hat. Vor einiger Zeit schrieb ein Leser aus der Schweiz in das Gästebuch meiner Website www.kanukassel.de eine besonders abwertende Anmerkung: Er stellte zutreffend fest, dass die zahlreichen Gästebuch-Einträge von Schülern der Kopernikusschule Freigericht vor Rechtschreibfehlern nur so strotzen. Ich solle daher die Zeit, die ich mit dem Kanufahren vergeude, doch sinnvoller nutzen, in dem ich meinen Schülern die deutsche Rechtschreibung beibringe. Als wenn ich das nicht schon 28 Jahre als Lehrer tagein, tagaus versucht hätte! Leider nur mit bescheidenem Erfolg. Was mich nach wie vor auch maßlos ärgert und frustriert. Nur: Ich unterrichte nicht an einem deutschen Elite-Gymnasium mit hochmotivierten und überdurchschnittlich intelligenten Schülern, sondern überwiegend im Hauptschulzweig der von knapp 2500 Schülern besuchten, größten Gesamtschule Hessens. Dort befinden sich nur noch zehn Prozent eines Schülerjahrgangs. Aus der Hauptschule wurde eine „Restschule“ mit überdurchschnittlich vielen lern- und verhaltensgestörten Kindern, denen das fehlerfreie Erlernen der deutschen Rechtschreibung schnurz egal ist. Hauptschüler verweigern mittlerweile herkömmlichen Lern-Unterricht. Das ist die Realität! Hier sind nicht nur Rechtschreib- , sondern Erziehungsprobleme zu lösen! Dafür habe ich mir mein Projekt „Kanufahren als soziale Therapie“ ausgedacht. Die Schule von heute – und noch mehr die von morgen – hat nicht nur einen Bildungs-, sondern auch Erziehungsauftrag. Was nicht heißen soll, dass ich in Zukunft auf Rechtschreibunterricht und gewissenhaftes Lernen meiner Schüler verzichte. Im Gegenteil. Nur muss ich erst mal ein Schülerverhalten und Klassenklima schaffen, das effektives Lernen wieder möglich macht. Davon ließ sich die Redakteurin Christina Volk der „Gelnhäuser Neuen Zeitung“ in einem längeren Gespräch mit mir überzeugen, was zu folgendem, im Original ganzseitigen und bunt bebilderten Zeitungsbericht führte:
GELNHÄUSER NEUE ZEITUNG – 28. September 2002
Effektives Lernen: Der Freigerichter Pädagoge Gerd Kassel weiß, wie es geht
Das paddelnde Klassenzimmer
Die Sonne strahlt auf den Fluss herunter, nur einige Wolken bedecken den blauen Himmel. Auf der rechten Seite türmen sich Weinberge auf, linker Hand laden große, Schatten spendende Bäume und einige Bänke zum Verweilen ein. Der Ort ist perfekt für eine Rast, denkt sich Gerd Kassel und schon legt seine Kanuflotte an. Zur Erkundung einer historischen Flusslandschaft im einzigen Weinort an der Lahn – in Obernhof.
Eine Woche lang ist der Lehrer mit der H8b der Kopernikusschule auf dem Fluss unterwegs. Eine Kanu-Gepäcktour von Wetzlar bis Lahnstein, 124,8 km lang. Begleitet werden die 22 Kopernikusschüler und ihre Betreuer von neun polnischen Schülern und deren Lehrer Leonard Kurlej von der ökonomisch-technischen Schule in Rakowice Wielkie. Doch der Ausflug auf dem Nebenfluss des Rheins ist für die 42 Insassen der 21 Kanus nicht etwa ein erholsamer Urlaub. Er ist harte Arbeit.
Mit dem erlebnispädagogischen Unterrichtsprojekt versucht Gerd Kassel seit Jahren „ausgeflippte Kids“ wieder zurück ins Boot zu holen. Immer mehr Jugendliche stehen seiner Meinung nach heute neben sich und der Gesellschaft, ohne guten Schulabschluss, ohne Hoffnung auf Lehrstelle und Job. Frustriert vom Leben fühlen sie sich überflüssig, abgeschoben, ausgebootet. Die Folge: Sie hängen ab, trinken, schlagen um sich. „Das darf nicht sein“, dachte sich der Horbacher Gerd Kassel vor einigen Jahren und erarbeitete ein erlebnispädagogisches Unterrichtsprojekt für Schule und Jugendsozialarbeit: Bootfahren als soziale Therapie. Als Lehrer hatte sich Gerd Kassel auf die Arbeit mit Problemkindern spezialisiert und wollte denen helfen, „die mit dem Arsch an der Kippe stehen“. Gerade die Hauptschüler seien immer häufiger neben der Spur und könnten dem normalen Unterricht nicht mehr folgen. „Deshalb musste ich mir was überlegen“, sagt der Pädagoge. Auf das Kanu fiel seine Wahl, weil er selbst seit Jahren mit seiner Familie Erlebnissportarten betreibt: Klettern, Windsurfen, Segeln und eben Kanufahren.
Schuld daran, dass sich immer mehr Kinder und Jugendliche zu reduzierten Persönlichkeiten im körperlichen und psycho-sozialen Bereich entwickeln, ist in den Augen Gerd Kassels vor allem das passive Konsumieren. Es hat das aktive Tun weitgehend aus dem Alltag der Schüler verdrängt. An die Stelle tatsächlich erlebter Wirklichkeit ist eine durch Medien transportierte Schein-Erfahrung getreten. Zudem gehen soziale Strukturen, in denen sich die Kids anerkannt, sicher und geborgen fühlen, zusehends verloren. Die Folgen sind körperliche und seelische Verarmung, Vereinsamung, Kommunikationsschwierigkeiten, physische und psychische Störungen, sowie die Zunahme von Ersatzbefriedigungen, aggressiven Verhaltensweisen, Drogenkonsum und Kriminalität.
Aber warum hilft gerade Bootfahren? Reicht es nicht mehr aus, wenn sich Kinder und Jugendliche in Vereinen engagieren? „Nein“, sagt Gerd Kassel und er weiß, wovon er redet. Er kennt die Kids von heute. „Die haben darauf meist null Bock“, weshalb sich Lehrer, Sozialarbeiter oder Heimerzieher schon etwas Spannenderes einfallen lassen müssen, um die jungen Menschen von Fernseher und Computer wegzulocken.
Zum Beispiel eine achttägige Kanu-Gepäckfahrt auf der Lahn . „Eine Woche Bootfahren, noch dazu mit Sack und Pack auf einem interessanten Fluss, vermittelt den Schülern einen Hauch von Selbstbestimmung, Freiheit und Abenteuer“, weiß Gerd Kassel aus Erfahrung. Sie lernen Verantwortung zu übernehmen und was Zusammenhalt bedeutet. Das beginnt schon im Kanu selbst, denn jeweils zwei Schüler bilden ein Team. Jeder ist für den anderen verantwortlich, teilt sich mit seinem Partner das Kochen und baut zusammen mit ihm das Zelt auf. Die Kameradschaft steht im Vordergrund, keiner kommt ohne den anderen aus. Und dass es nur funktioniert, wenn alle mit anpacken, merken die Kids sehr schnell. Denn wer kann schon alleine ein Boot aus dem Wasser heben?
Wer aber mit einem Kanu mehrere Tage einen Fluss befahren will, muss sich vorher – es sei denn, er paddelt einfach drauflos – gut über das Gewässer und die örtlichen Gegebenheiten informieren. Für Gerd Kassel und seine Schüler beginnt deshalb die Arbeit lange vor der Fahrt. Statt dem üblichen Schulprogramm steht bei den Ausflüglern bereits Wochen vor dem Bootfahren von Zeit zu Zeit Kanu-Projekttag auf dem Stundenplan. Fächer wie Erdkunde oder Arbeitslehre eignen sich nur zu gut für den nicht alltäglichen Unterricht. Wie Gerd Kassel seine Schüler auf den Fluss vorbereitet? Er bringt ihnen bei, wie ein Fluss entsteht, wie er fließt, welche Landschaftsformungen durch ihn entstehen. Das Fach Arbeitslehre, das auch Kochen und Ernährungslehre umfasst, nutzt der Haupt- und Realschullehrer, um mit seinen Kids die Essenszubereitung auf Spiritus-Sturmkochern zu üben. Was nicht fehlen darf, ist das Wissen über das Kanu selbst und dessen Verhalten auf dem Fluss. Da der Zweck eines erlebnispädagogischen Projekts in der Schwerpunktverlagerung von der Theorie zur Praxis besteht, ist auch die gegenständliche Aneignung wichtig für die Tourvorbereitung: Holz-Kanus selbst bauen, eine Bootswerft besichtigen, Paddel- und Steuerschläge einstudieren oder Zelte auf- und abbauen.
Doch nicht nur vorbereitender Unterricht erwartet die Schüler, wenn sie sich für eine Kanu-Gepäcktour anstatt für eine normale Klassenfahrt entscheiden, auch unterwegs darf der Lernaspekt nicht fehlen. Da kann es schon mal eine Unterrichtseinheit zum Thema Umweltverschmutzung geben, wenn gerade viel unverrottbarer Plastikmüll im Ufergebüsch herumliegt, den die Schüler natürlich einsammeln müssen. Als Anschauungsprogramm sozusagen. Zwecks Lernprogramm hat Gerd Kassel auf jeder Tour 30 Unterrichtsmappen dabei, die er für sein Kanu-Projekt selbst zusammengestellt hat. Die einzelnen Seiten sind wasserdicht eingeschweißt und haltbar gebunden. Open-Air-Unterricht zu jeder Zeit, an jedem Ort und bei jedem Wetter. Moderne Ganztagsschule statt überholte Lernfabrik sozusagen.
Natürlich ist gute Öffentlichkeitsarbeit auch immer ein bisschen Angeberei und Schaumschlägerei. Natürlich weiß „der Freigerichter Pädagoge Gerd Kassel“ nicht immer, wie „effektives Lernen“ zu organisieren ist und vieles geht schief. Und ein Kanuprojekt ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Projektunterricht wäre in allen Bereichen schulischen und außerschulischen Lernens begrüßenswert. Allerdings: Lehrer werden im Bildungssystem der Zukunft genötigt sein, sich, ihre Arbeit und ihre Schule optimal zu „verkaufen“. Bildung wird zur „Ware“, Schulen treten mit eigenem „Schulprofil“ in harte Konkurrenz zueinander. Lehrer sollen nach Leistung bezahlt werden. Eltern und Schüler können die ihnen genehme Schule wählen. Schulen, die in der Entwicklung hinterher hinken, verlieren nicht nur ihr Ansehen, sondern auch ihre Schüler. Die Höhe staatlicher Geldzuweisungen wird abhängig werden von Schülerzahlen und Erfolg. Wer versagt, geht in „Konkurs“. Ob dadurch Lernen effektiver, Lehrer bessere Pädagogen und Schüler lernmotivierter werden, das bezweifle ich. Doch über die Zukunft der Schule, besonders über die äußeren Bedingungen des Lernens, entscheiden andere.
Aber nun genug der Selbstlobpreisung. Es dürfte klar sein, was die Erlebnispädagogik im Allgemeinen und ich im Besonderen mit meinem Kanuprojekt-Konzept erreichen wollen.
Gedankenspuren des bekannten Philosophen Jean Jacques Rousseau, der zu den Vordenkern der heutigen Erlebnispädagogik zählt:
Und denkt daran, dass ihr (gemeint sind die Lehrer) in allen Fächern mehr durch Handlungen als durch Worte belehren müsst. Denn Kinder vergessen leicht, was sie gesagt haben und was man ihnen gesagt hat, aber nicht, was sie getan haben und was man ihnen tat.
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